Die Vor- und Nachteile der generalisierten Pflegeausbildung

Seit diesem Jahr gibt es eine gemeinsame Ausbildung für die drei Disziplinen Kranken-, Kinder- und Altenpflege. Foto: istock

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11. August 2020

Im Juli 2017 wurde das Gesetz zur Reform der Pflegeberufe verkündet. Die Pflege soll damit zukunftsgerecht und attraktiver werden. Seit dem 1. Januar 2020 soll die neue generalistische Pflegeausbildung zur Pflegefachfrau/Pflegefachmann nun umgesetzt werden. Politik und Gesundheitswesen wollen damit dem Fachkräftemangel und auch dem demografischen Wandel entgegenwirken. Während Berufe im Gesundheitswesen nicht mehr attraktiv zu sein scheinen, werden Pflegefachkräfte dringend gesucht. Die Lebenserwartung der Menschen steigt, die Pflege wird immer komplexer und der Bedarf an interdisziplinär ausgebildeten Fachkräften steigt.

Um den heutigen und künftigen Anforderungen an Pflegefachkräfte gerecht werden zu können, wurde die Pflegeausbildung komplett reformiert. Doch was bringt die generalisierte Ausbildung wirklich? Wo sind denkbare Nachteile?

Was genau ändert sich bei der generalisierten Pflegeausbildung?

Mit der neuen Pflegereform wurde der neue Beruf der Pflegefachfrau/-mann geschaffen. In ihrer Ausbildung werden die drei bislang voneinander getrennten Berufszweige der Kranken-, Alten-, und Kinderkrankenpfleger zusammengeführt. In einem Berufsbild werden fachliche Schwerpunkte aus allen drei Disziplinen gelehrt. In den ersten beiden Ausbildungsjahren werden Lehrinhalte behandelt, die allen Auszubildenden das gleiche Fachwissen vermitteln. Danach können sich die Azubis entscheiden: Sie können ihre Ausbildung nach einem weiteren Jahr als Pflegefachfrau/Pflegefachmann abschließen oder entscheiden sich für eine Spezialisierung. Wer lieber mit Kindern oder Senioren arbeiten möchte, kann einen gesonderten Abschluss als Alten- oder Kinderkrankenpfleger machen. Informationen zum genauen Ablauf der Ausbildung kannst du hier nachlesen.

Das Ziel dieser generalistischen Ausbildung ist es, den Pflegefachkräften mehr Flexibilität und dadurch mehr Karrierechancen zu ermöglichen. Mit ihren interdisziplinären Kenntnissen und Fähigkeiten können die Absolventen überall in der Pflege eingesetzt werden. Somit sind sie auch perfekt darauf vorbereitet, dass sich pflegerische Aufgaben im Krankenhaus und Pflegeheim immer mehr überschneiden und ihre Aufgabenbereiche immer komplexer werden. Durch die Flexibilität und vermehrte Jobchancen möchte man die Attraktivität der Pflegeberufe steigern und durch die Angleichung der Ausbildung auch eine Annäherung der Gehälter erreichen.

Was sind die Vorteile der generalisierten Pflegeausbildung?

  • Flexibilität: Die vereinheitlichte Ausbildung ermöglicht es den Pflegefachkräften problemlos zwischen einzelnen Versorgungsbereichen zu wechseln. Alle haben die gleichen Grundkenntnisse und können dadurch interdisziplinär eingesetzt werden. Kinder und Senioren haben individuelle Pflegebedürfnisse. Da in der Ausbildung Praxiseinheiten in verschiedenen Einrichtungen Pflicht sind, konnten die Auszubildenden bereits die verschiedenen Bereiche der Pflege entdecken.

  • Wahlmöglichkeiten: Während der generalistischen Pflegeausbildung haben die Azubis nach zwei Jahren die Möglichkeit, sich zu spezialisieren. Anders als früher müssen sich junge Schulabgänger nicht direkt für eine bestimmte Ausbildung entscheiden. Sie haben vorher in ihren Pflichteinsätzen die Möglichkeit, in verschiedene Pflegebereiche reinzuschnuppern und sich dann zu entscheiden. Möchte ich lieber mit Senioren oder Kindern arbeiten? Oder möchte ich mich nicht festlegen und den Abschluss als Pflegefachfrau/-mann machen? Azubis haben die Wahl!

  • Finanzierung: Vor der Reform war es an privaten Pflegeschulen immer noch üblich, Schulgeld zu zahlen. Mit dem Pflegeberufegesetz ist die Ausbildung von nun an kostenlos. Außerdem gibt es eine attraktive Ausbildungsvergütung, wie in anderen Berufen auch. Die Finanzierung findet über das Land, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen statt.

  • Bessere Verdienstmöglichkeiten und bessere Chancen auf dem Jobmarkt: Ziel der generalistischen Ausbildung ist es, die Pflegefachkräfte in allen Bereichen einsetzen zu können. Durch die Vereinheitlichung haben die Absolventen viel mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weil es mehr Einsatzmöglichkeiten für sie gibt. Auch im Verlauf der Karriere ergeben sich für jeden andere Jobmöglichkeiten. Teil der Pflegereform ist auch eine Ausbildungsvergütung sowie eine allgemeine Erhöhung der Vergütungen im Pflegebereich.

  • EU-Anerkennung: Mehr Jobchancen ergeben sich auch durch die EU-Anerkennung der generalistischen Ausbildung. Was in Deutschland neu ist, ist in anderen europäischen Ländern schon lange Standard. Die neue Berufsausbildung ist so konzipiert, dass der Abschluss in ganz Europa anerkannt wird und man ohne Probleme im Ausland arbeiten kann. Das war bisher leider nicht immer so.

  • Pflegestudium: Mit der Einführung der generalistischen Ausbildung startet auch ein neuer Pflege-Studiengang. Viele Abiturienten wollen keine Ausbildung machen, sondern lieber ein Studium. Dabei werden neueste pflegewissenschaftliche Theorien und Inhalte vermittelt. Zum Studium gehören außerdem Praxiseinsätze von mehr als 2100 Stunden. Der Bachelor-Abschluss beinhaltet die staatlichen Prüfung zur Pflegefachfrau/zum Plegefachmann. Absolventen der Pflegeausbildung können auch noch im Anschluss das Pflege-Studium machen. Alle Studien in der Pflegebranche findest du hier.

Welche Nachteile bringt die generalisierte Pflegeausbildung?

  • Voraussetzungen: Um eine generalistische Pflegeausbildung beginnen zu können, müssen Bewerber mindestens einen mittleren Schulabschluss vorweisen. Hauptschülern wird der Einstieg hier anders als früher erschwert. Wer einen Hauptschulabschluss hat, kann erst nach erfolgreicher Ausbildung zur Pflegehilfskraft einsteigen. Allerdings wird die vorherige Ausbildung auf die Ausbildungszeit angerechnet.

  • Konkurrenz für Altenheime: Die generalisierte Ausbildung soll die Pflegefachkräfte flexibel einsetzbar machen. Für Altenheime, Tagespflegeeinrichtungen oder ambulante Dienste könnte das zum Problem werden. Im Zuge der neuen Ausbildung könnten die Pflegefachkräfte aus der Altenpflege vermehrt abwandern. Beispielsweise zu Krankenhäusern, in denen sie besser bezahlt werden. Als Pflegefachfrau/-mann ist man ungebundener. Statt den Pflegenotstand zu verbessern, könnte sich die Situation in der Altenpflege noch verschlechtern.

  • Azubis werden abgeschreckt: Mit dem neuen Pflegeberufegesetz verändern sich auch die Zugangsvoraussetzungen. Anders als früher können Hauptschüler nur durch den Umweg der Pflegehelferausbildung den Einstieg in die Pflegefachfrau/mann- Ausbildung schaffen. Durch die Zusammenlegung der drei früheren Ausbildungen erhöhen und erschweren sich außerdem die Theorieinhalte. Viele potentielle Auszubildende könnten davon abgeschreckt werden.

  • Verflachung der Ausbildungsinhalte: Experten befürchten, dass durch die Generalisierung der Pflegeausbildung auch wichtige Inhalte zu kurz kommen könnten. Senioren und Kinder haben sowohl körperlich als auch psychisch andere Bedürfnisse. Diesen kann man nur gerecht werden, wenn man das nötige Fachwissen hat. Experten bezweifeln, dass eine generalisierte Ausbildung das nötige Spezialwissen in der kurzen Zeit vermitteln kann. Die Spezialisierung auf Kinder oder Altenpflege erfolgt nämlich erst im letzten Drittel der Ausbildung.

  • Herabwürdigung des Berufs Altenpfleger?: Trotz der Zusammenlegung der Pflegeausbildung gibt es immer noch drei verschiedene Abschlüsse mit unterschiedlichen Qualifikationen. Experten befürchten dadurch eine Herabwürdigung des Ausbildungsberufes Altenpfleger, denn Anforderungen würden gering gehalten werden, damit keine Bewerber abgelehnt werden müssen. Weil Pflege immer komplexer wird, sehen Experten darin ein großes Problem in der Versorgung von Älteren, weil die Altenpflege als ein „leichter" Pflegeberuf abgestempelt und somit abgewertet werde. Dabei ist sie genauso wichtig und anspruchsvoll wie andere Pflegeberufe.

Fazit: Die zusammengefasste Ausbildung der verschiedenen Pflegebereiche weist sowohl Chancen als auch Mängel auf. Die Generalisierung bedeutet mehr Jobchancen für die Absolventen. Gleichzeitig könnte sie aber auch dazu führen, dass der Pflegenotstand in der Altenpflege noch weiter wächst. Ob die neue Ausbildung die Pflegeberufe tatsächlich zukunftsorientierter und attraktiver macht, wird sich erst zeigen.

Maja Lietzau

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