Unausweichliche Systemfrage: Die Altenpflege und private Investoren

MEDWING
August 20, 2024

Unterbesetzung und immer mehr Leasing-Kräfte – die Entwicklung der Altenpflege unter privaten Investoren.

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    Stefan Heyde


    Wenn man heute in die unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen kommt, sieht man vor allem überall das gleiche Bild: private Träger, große Einrichtungen und immer zu wenig Personal. Diese Erfahrungen durfte ich über 15 Jahre in der Altenpflege auch sammeln. Es gab unzählige Dienste, die deutlich unterbesetzt waren oder aber auch Einrichtungen, in welchen mehr Leasing-Kräfte als Stammbeschäftigte arbeiteten. Was ist passiert, dass es so weit kommen konnte?

    Ganz ursprünglich, war die Altenpflege traditionell eine karitative Aufgabe für Kirchen und Kommunen. Leider hatten diese aber Probleme, den Bedarf an Pflegeplätzen zu decken, welcher in den 90er Jahren aufkam. Dann folgte die Überforderung und der Staat zog sich aus der Verantwortung zurück. Man überließ das Feld den privaten Unternehmen in dem Glauben, dass diese öffentliche Aufgaben effizienter erledigen könnten. Deutschland war da damals kein Einzelfall, auch etwa England und Frankreich stimmten mit ein. Bei uns fiel der Startschuss dafür im Jahre 1995 mit der Einführung der Pflegeversicherung.



    Die Tendenz ist dank der immer älter werdenden Gesellschaft steigend. Somit geht es um einen ordentlichen Batzen Geld. Dazu kommt ein geringes Ausfallrisiko: Wenn Bewohner:innen ihre Unterbringung nicht mehr bezahlen können, erhalten sie Unterstützung vom Sozialamt und damit von uns allen, denn wir sind ja die Steuerzahler. Man kann also feststellen, dass sich mit der Altenpflege nahezu ohne Risiko viel Geld verdienen lässt.



    Natürlich kann man es sich nun einfach machen und sagen: „Der Spahn hat Schuld“, aber das ist nicht richtig. Er verwaltet eine ganz bewusst getroffene politische Entscheidung. Denn die Politik hat viele Fehler gemacht und man hat an wichtigen Kreuzungen die Kontrolle verloren sowie Kontrollinstanzen weggespart.



    Das Grundproblem ist das auf Gewinne und Rendite ausgelegte Gesundheitssystem. Wir haben in den Jahren um uns herum in Europa gesehen, wie es auch mit einem staatlichen System funktionieren kann. Die besten Beispiele sind Norwegen, Dänemark oder Schweden. Natürlich ist kein System fehlerfrei und man kann es nicht 1:1 übernehmen. Aber man muss den Mut zu einer Veränderung haben – einer Veränderung, die jeden von uns betrifft, einen Lebensabend in Würde ermöglicht und welche die Berufsgruppen darin fair behandelt. Nur dazu braucht es Mut. Und wir erleben seit Jahrzehnten hilflose Politiker, die das heiße Eisen nicht anfassen wollen.

    Die Uhr tickt trotzdem und irgendwann wird der Knall kommen.

    Stefan Heyde


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