
Bald ist es so weit: Die Bundestagswahl am Sonntag, den 26. September 2021, steht vor der Tür. Es wird eine neue Regierung geben mit einer neuen Kanzlerin oder einem neuen Kanzler. Die farbliche Konstellation ist dabei allerdings noch weitgehend unklar und man kann über unzählige „Flaggen-Konstellationen“ nur spekulieren. Ein treffender Ausspruch für einen Ausblick auf die Situation der Pflege-Branche nach der Bundestagswahl wäre frei nach Heinrich Heine: „Denk ich an die Pflege in Deutschland, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“
Irgendwann nach Ende der Corona-Pandemie werden wir sehen, wie hoch der Preis dafür in der Pflege im Form des „Pflexit“ sein wird und wie wir damit umgehen müssen. Die Eigenanteile der Pflegebedürftigen steigen weiter – trotz Reformen. Dazu gesellt sich der bundesweite, einheitliche Tarifvertrag für die Altenpflege – welcher von den Kirchen aus reinem Selbsterhalt und Angst vor gleich starker Konkurrenz gekippt wurde – sowie eine Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland, die seit Jahren kläglich in alle Richtungen scheitert.
Die Baustellen, welche die neue Regierung im Bereich der Pflege erben wird, sind enorm. Fortschritte gab es in den letzten Jahren eher weniger – auch, wenn uns Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das gerne anders verkauft. Sämtliche Bemühungen waren bislang nur kleine Reformen oder öffentlichkeitswirksame Gesten, um eine Wiederwahl zu erreichen oder das Thema für die eigene Karriere zu nutzen.
Vor dem Einschlafen denke ich oft über so viele Fragen der Zukunft nach:
- **Wie schaffen wir bei geringen Ausbildungszahlen in den Pflegeberufen den Ausgleich zu dem immer größeren Bedarf an Pflegekräften in der Zukunft? **
- Wie schaffen wir bundesweit und einheitlich bessere Arbeitsbedingungen sowie eine angemessene Bezahlung in allen Berufen der Pflege?
- Wie schaffen wir es, unser Gesundheitssystem zukunftsfähig, gerecht und finanzierbar umzustrukturieren?
Irgendwann nicke ich weg und schlafe ein. Es folgt eine weitere unruhige Nacht. In meinem Traum sehe ich ältere Kolleg:innen, die Angst haben bis zum 70. Lebensjahr oder darüber hinaus arbeiten zu müssen, obwohl sie körperlich nicht mehr können, aber jeden Cent für ihre Rente brauchen. Ich sehe mich für immer mehr Bewohner:innen bzw. Patient:innen über die Wohnbereiche bzw. Stationen rennen und habe enorme Angst davor, selbst einmal ein Bewohner bzw. Patient zu sein und dass niemand rechtzeitig kommt, wenn ich in der Not jemanden brauche.
Ich stehe vor dem Dienstplan, alles ist rot – alleine für 30 Bewohner:innen bzw. Patient:innen. Ich sehe Kolleg:innen, die aus ihrem Pflegeberuf ausgestiegen sind und nun Regale einräumen, sehe immer weniger junge Menschen, die einen Beruf in der Pflege ergreifen. Dann werde ich schweißgebadet wach und begreife, dass es nur ein Alptraum war. Ein Horror, der noch nicht wahr geworden ist.
In der Realität sehe ich Pflegekräfte auf den Straßen, sie heben Schilder, Fahnen und Plakate. Wir stehen überall: vor den Parlamenten, dem Bundestag und auf Plätzen in Dörfern und Städten. Sie recken die behandschuhten Fäuste in die Luft und skandieren lautstark für bessere Bedingungen in der Pflege und angemessene Bezahlung.
Wir haben den Kampf noch nicht aufgegeben und wir werden auch die nächsten Jahre für eine menschenwürdige und gerechte Pflege kämpfen. Wir werden alles versuchen, um die Gesellschaft und die Politik zu einem Umdenken zu bewegen. Wir wollen Antworten auf all unsere Fragen und wir werden sie auch bekommen – egal, wie lange der Kampf auch dauern und welche Farbe die Regierung haben wird.
Ich habe noch Hoffnung und Kraft.
Stefan Heyde


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