
„Wo soll die Reise hingehen und wie lange wird es noch gut gehen mit unserem Gesundheitssystem?“ Diese Frage stelle ich mir seit Jahren sehr häufig. Die Antworten, welche die Politik darauf bislang gegeben hat, sind hilflos, halbherzig und gleichen eher Pflastern, die man auf einen Ballon mit unzähligen Löchern klebt.
Es ist kein großer Wurf und kein Mut dabei, die wirklich dringenden Baustellen in der Pflege anzugehen. Dabei sind diese mehr als offensichtlich und ihre Auswirkungen werden für die Gesellschaft immer deutlicher spürbar:
#1 Unser Gesundheitssystem ist ungerecht.
Wir haben es immer noch nicht geschafft, dass wirklich alle ohne Ausnahmen in dieses Gesundheitssystem einzahlen. Gerade der Personenkreis der Besserverdiener – sprich Beamte, Politiker etc. – sind oftmals in einer privaten Krankenversicherung. Dies führt zu einer Zwei-Klassen-Medizin, bei welcher vor allem der ärmere Mensch auf der Strecke bleibt und dringend benötigte Untersuchungen, Medikamente sowie Materialien oder Termine erst verspätet erhält. Diese Schere geht seit Jahren unaufhaltsam auseinander und auch die Corona-Pandemie hat dies einmal mehr gezeigt. Wer arm war, ist ärmer dran und wartet länger.
#2 Unser Gesundheitssystem bezahlt nicht gerecht.
Seit Jahrzehnten läuft die Finanzierung komplett aus dem Ruder. In den Pflegeheimen steigt der Eigenanteil immer höher und ist kaum leistbar für die Menschen mit den durchschnittlichen Renten. In der ambulanten Pflege gibt es immer mehr Kunden, aber die Leistungen der Krankenkassen für die durchgeführten Tätigkeiten sind zu gering – inklusive dem enormen Zeitdruck. Denn Zeit ist Geld und schneller immer besser. In den Krankenhäusern suchen sich private Träger die lukrativsten Eingriffe raus und steigern damit ihre Gewinne. Während die Krankenhäuser der Maximalversorgung auch weniger lukrative, aber ebenso absolut notwendige Behandlungen von Erkrankungen älterer, multimorbider Menschen durchführen.
#3 Unser Gesundheitssystem erkennt Pflege als Leistungsfaktor nicht an.
In nur wenigen Berufen gibt es eine größere Ausstiegsrate während der Ausbildung, einen schnelleren Ausstieg aus dem Beruf sowie eine höhere Krankheitsrate und Frührente als in den Pflegeberufen. In meiner Zeit als Pflegekraft traf ich bisher nur wenige Kolleg:innen, die über 60 Jahre waren und noch „am Bett“ stehen konnten. Die Ursachen dafür sind vielfältig, bekannt und zu Tode diskutiert: Überlastung, schlechte Arbeitsbedingungen, fehlende Anerkennung, wenig Nachwuchs, geringe Entlohnung etc. . Pflege ist ein Knochenjob, der eben auch seinen Preis fordert.
Aber anstatt diese Berufsgruppe auch gesellschaftlich, finanziell sowie mit angemessenen Arbeitsbedingungen wertzuschätzen und auszustatten, reduziert man und baut ab. Noch heute heißt es in Krankenhäusern, aber auch vor allem in der Altenpflege: Pflege ist ein Kostenfaktor, an dem man sparen kann und muss. Das Auto fährt auch noch mit drei Rädern. Wie fatal diese Entwicklung ist, sieht man immer häufiger: BurnOut, CoolOut, Pflexit und menschenunwürdige Pflege.
Was den Verantwortlichen fehlt – egal welcher Farbe und Partei auch immer sie sind –, ist der Mut zur Veränderung. Anstatt vor einer Wahl Festtagsreden zu halten und Versprechungen zu machen, sollten sie endlich reinen Wein einschenken. Wir brauchen ein neues Gesundheitssystem. Unser jetziges hat seinen Zenit erreicht, ist ineffizient, verschlingt immer mehr und mehr von unseren Steuergeldern, wird aber trotzdem immer schlechter. Es muss neu aufgestellt werden. Ja, es wird uns alle Geld kosten und zwar nicht zu wenig, aber das muss es uns allen auch einfach wert sein. Warum? Jeder braucht ein funktionierendes Gesundheitswesen und sehr gute Pflege.
Ich bin mir sicher, dass die Bevölkerung eine solche Ehrlichkeit der Politik schätzen und akzeptieren würde. Denn Ehrlichkeit politischer Natur hat man in diesem Maß bis heute noch nicht erlebt.
Stefan Heyde

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