Pflegebonus 2022: zwischen Wertschätzung und Spaltung

MEDWING
August 20, 2024

Karl Lauterbach will die Prämie nur „besonders belasteten“ Pflegekräften zahlen. Stefan Heyde findet das falsch.

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    Stefan Heyde


    Die Corona-Prämie für Pflegekräfte sorgte schon in den letzten beiden Jahren für heftige Diskussionen und hinterließ viel verbrannte Erde. Eine finanzielle Auszeichnung für die Berufsgruppe an vorderster Corona-Front auf der einen Seite. Ein Tropfen auf den heißen Stein des Pflegenotstands auf der anderen. Sicher, die Politik hat mit dem Pflegebonus ein deutliches Zeichen der Wertschätzung gesetzt und daran ist zunächst nichts falsch. Viele Pflegekräfte fühlten sich jedoch missverstanden und „abgespeist“, denn das Personalproblem löst eine kleine jährliche Finanzspritze nicht, zumal sie teilweise mit erheblicher Verzögerung ausgezahlt wurde.

    Auch in diesem Jahr möchte der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach den Pflegekräften eine Corona-Prämie auszahlen. Allerdings, wie kürzlich bekannt wurde, anscheinend nur denjenigen, die „in der Corona-Pandemie besonders belastet waren“. Zack, der Hieb sitzt. Ich frage mich, wer in unserem Gesundheitssystem diesen Bonus nicht verdient haben soll, welche Pflegekraft, welcher Arzt, welche Krankenhaus- oder Heimmitarbeiterin nicht durch die Pandemie belastet war. Dieses System läuft mit immer weniger Personal und immer mehr Patient:innen oder Bewohner:innen pro Pflegekraft. Offene Stellen bleiben lange unbesetzt, wodurch der Druck und die Belastung auf die verbliebenen Pflegekräfte wächst. Allein dafür hätten die Menschen, die unsere Gesundheitsversorgung am Laufen halten, schon seit vielen Jahren eine Prämie verdient.

    Es ist klar, dass es ein großer Fehler wäre, nur diejenigen zu berücksichtigen, die auf Intensivstationen arbeiten oder, wie beim letzten Bonus, die Prämie nur Kliniken zu zahlen, die genügend Corona-Patient:innen aufgenommen haben. Ein solcher „Bonus“ würde die Pflegekräfte erneut gegeneinander aufbringen und ausspielen. Eine Neiddebatte brauchen die Kliniken, Pflegeheime und die Berufsgruppen des Gesundheitswesens nun wirklich nicht.

    Einen Bonus müssen alle erhalten, er darf nicht zu einer Spaltung führen. Von echter Wertschätzung kann nur die Rede sein, wenn die Politik anerkennt, dass in unserem Gesundheitssystem nicht nur die Pflegekräfte am Limit arbeiten, sondern auch die Arztpraxen und die dortigen medizinischen Fachangestellten, Rettungsdienste, Reinigungskräfte und so weiter. Was die Gesundheitsberufe noch dringender brauchen als eine Einmalzahlung, ist bekannt, man kann es auswendig aufsagen: bessere Arbeitsbedingungen, keine Profitorientierung, Rekommunalisierung und schrittweise endlich eine Neuausrichtung des Gesundheitswesens auf die Zukunft.

    Ich hoffe, dass sich Herr Lauterbach sein Schritt gut überlegt und mit beiden Ohren zuhört. Sonst verspielt er schnell den kleinen Vertrauensvorschuss, den ihm viele Pflegekräfte und Beschäftigte im Gesundheitswesen gegeben haben.

    Stefan Heyde


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