Die 4 größten Probleme der ambulanten Pflege

MEDWING
August 20, 2024

Stefan Heyde hat lange für Pflegedienste gearbeitet. Er kennt die größten Problemfelder der ambulanten Pflege.

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    Stefan Heyde


    Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Einsatz in der ambulanten Pflege während meiner Ausbildung zum Krankenpfleger. Eine örtliche Sozialstation in kirchlicher Hand, dazu viele alte Krankenschwestern mit unzähligen Jahren Berufserfahrung. Die Patientenbesuche fanden im ganzen Landkreis statt und die jeweiligen Schwestern waren meist per du mit den Patient:innen. Ein Vertrauensverhältnis, welches über die Jahre gewachsen war.

    Als ich Jahre nach meiner Ausbildung in der ambulanten Pflege die ersten Schritte wagte, war davon nicht mehr viel zu spüren. Es gab Zeitdruck durch Zeiterfassungssysteme und eine Vielzahl an Patient:innen. Für freundliche Worte fehlte die Zeit, altgediente Schwestern gab es auch keine mehr. Danach folgte für mich erstmal eine längere Abwesenheit aus diesem Bereich. Zu tief saß die erste Erfahrung. Jedoch begann ich im Laufe der Zeit damit, die Hintergründe der Situation verstehen zu wollen. Warum gab es so viel Zeitdruck und warum so wenig Pflegepersonal? Ich fing eine Ausbildung zur Pflegedienstleitung an und startete den zweiten Versuch bei einem ambulanten Pflegedienst. Dabei stellte ich schnell fest, dass die Probleme in diesem Bereich sehr vielfältig sind und von den Betroffenen alleine nicht behoben werden können. Sämtliche Betreiber und Anbieter in diesem Bereich haben die gleichen Nöte:

    1. Zu geringe Pauschalen der Krankenkassen für ambulante Dienste

    Auf diesem Problem gründen sich alle anderen. Denn in der ambulanten Pflege bekommt der Pflegedienst von der jeweiligen Krankenkasse einen festgesetzten Pauschalbetrag. Das heißt im Umkehrschluss, wenn die „große Pflege “ zeitlich länger dauert, weil man eben einen Patienten mit Parkinson betreut, dann ist eine Zeitüberschreitung von 20 Minuten das Problem des Pflegedienstes. Sie wird nicht vergütet.

    2 Viele Patient:innen, wenig Gewinn und lange Wege

    Die meisten Pflegedienste können sich vor Kundenanfragen kaum retten und könnten 24/7 fahren. Aber die Konkurrenz ist enorm und so kommt es häufig vor, dass man zwar viele Patient:innen hat, diese sich aber nicht in einem Radius befinden, der eine ertragreiche Route möglich macht. So fährt eine Fachkraft für bestimmte Tätigkeiten lange Wege, erhält nur kleine Beträge dafür und die Gesamtkosten (Personalkosten, Benzin, PKW-Verschleiß etc.) können nur schwer aufgefangen werden. Außerdem kommen oftmals auch Patient:innen hinzu, welche sich für den Pflegedienst eigentlich nicht rechnen, aber selbstverständlich trotzdem versorgt werden. So habe ich Touren planen und erleben müssen, bei denen eine Fachkraft den ganzen Morgen unterwegs war und dennoch mit einem Minus zum Schichtende wieder reinkam und das jeden Tag.

    3. Gehälter im freien Fall

    Das pauschale System der ambulanten Pflege bedingt auch niedrigere Gehälter. Viele Pflegedienste würden gerne besser bezahlen, können es aufgrund der Situation jedoch nicht. Daher wechseln Pflegekräfte häufig in den stationären Bereich und der häuslichen Pflege fehlt das Personal, obwohl sich gerade dort die Anfragen häufen und der Bedarf immer größer wird.

    4. Die Arbeitszeiten – Privatleben, was ist das?

    Durch das Personalproblem in der ambulanten Pflege fallen Ausfälle sofort ins Gewicht. So kann es durchaus vorkommen, dass man 12 Tage am Stück arbeitet und danach 2 Tage frei hätte, aber aufgrund eines Krankheitsausfalls seine Freizeit opfern muss, um die Pflegedienstleitung und die Pflegebedürftigen nicht im Stich zu lassen. Dies führt zu Unzufriedenheit und massiver Überlastung. Die Folge sind noch mehr Krankentage und Kündigungen. Ein Teufelskreis.

    Natürlich gibt es Ausnahmen. So kommen größere Pflegedienste oder größere Träger mit mehreren Standbeinen besser über die Runden, haben mehr Personal und können die Gehälter ein wenig anheben. Aber der große Mittelbereich bleibt auf der Strecke. Was die ambulante Pflege benötigt, ist ein neues Abrechnungs- und Bewertungssystem. Die Pauschalen tragen enorm dazu bei, dass dieser wichtige Teilbereich der Pflege ausblutet und für den Pflegenachwuchs unattraktiv ist. Ambulante Pflegedienste brauchen eine Abrechnung nach einer realen Zeitspanne mit erhöhten Pauschalen. So muss es möglich sein, eine „große Pflege“ dem jeweiligen Patienten entsprechend abzubilden und auch abzurechnen. Wo mehr Zeit aufgrund der Erkrankung benötigt wird – begründet, transparent und nachvollziehbar, dort muss die Krankenkasse auch mehr zahlen.

    Ein ebenfalls interessanter Ansatzpunkt ist die Quartierspflege sowie das schon seit einigen Jahren in Holland erfolgreiche Buurtzorg-Modell. Bei dieser ganzheitlichen Mischung aus pflegerischer Versorgung und Nachbarschaftshilfe arbeiten die Pfleger:innen in kleinen, selbstständigen Teams. Sie planen und organisieren alles autonom, ohne große Hierarchien, von der Abrechnung bis zur Kommunikation mit den Ärzt:innen. Der oder die Zupflegende steht im Mittelpunkt und soll so selbstbestimmt wie möglich leben können.

    Einige Modellversuche finden dazu bereits in Deutschland statt. Das Umdenken muss bei den Verantwortlichen und der Politik jedoch schneller geschehen, denn die Probleme der ambulanten Pflege sind augenscheinlich und ihre Zukunft hängt am seidenen Faden.

    Stefan Heyde

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