Die Doku „In Echtzeit“ weckt Erinnerungen und Befürchtungen

MEDWING
August 20, 2024

Stefan Heyde hat sich die Sendung „In Echtzeit: Auf Corona-Station“ angesehen und fühlt mit den Pflegekräften.

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    Stefan Heyde


    **Ich schaue mir die Sendung „In Echtzeit: Auf Corona- Station“ auf RTLZWEI an. Dabei sehe ich verzweifelte und hilflose Patient:innen jeden Alters. Menschen, die noch voll im Leben standen, Pläne hatten, bestimmt auch für die Feiertage. Sie liegen da, japsen nach Luft und ringen um ihr Leben. **

    Ich sehe die Pflegekräfte auf den Intensivstationen, der Notaufnahme und den Corona-Stationen. Den Alltag und den harten Kampf. Pandemie zwischen dem normalen Pflegenotstand. Pflegekräfte, die sich andauernd an- und auskleiden müssen. Händedesinfektion, Patient:innen lagern, waschen und Notfälle versorgen. Wie sie versuchen, trotzdem etwas Humor einzubringen. Ich kann den Druck und die permanente Anspannung spüren. Ich merke, wie es mir die Kehle zuschnürt und ich müde werde. All die Ängste, Wut und vor allem auch die Müdigkeit, es ist greifbar nahe für mich. Hier stehen die Menschen, die schon seit unzähligen Jahren um Menschenleben kämpfen. Sie erzählen ihre Geschichten von diesem Kampf: Niederlagen, traurigen Ereignisse und Schicksale.



    In mir kommen meine Erfahrungen aus den vielen Jahren in der Pflege hoch. Ja, auch ich habe meine Erlebnisse. Manche sind mir immer noch so klar vor Augen, als wären sie gestern passiert. Die Monitore und Geräte piepsen derweil im Hintergrund der Sendung. Eine Krankenschwester erzählt, wie sie sich in der ersten Welle mit Corona infiziert hat und wie sie bis heute an "Long-Covid" leidet, dass sie nicht arbeiten oder sich belasten kann.

    Wie geheuchelt und bedeutungslos wirken in diesem Moment all die „Geschenke“ der Politik. Wie unwichtig erscheint Geld, wie wichtig wären mehr Kolleg:innen, Zeit und bessere Arbeitsbedingungen. Die Pflege braucht qualifizierte Fachkräfte, die nicht nur funktionieren, sondern auch wieder menschliche Nähe und Zuwendung geben können.

    Nach der RTLZWEI-Dokumentation sehe ich mir die Nachrichten auf einem anderen Sender an. Ich sehe die Schlagzeilen: wieder unzählige Tote und hohe Infektionszahlen. „Spaziergänge“ und Demonstranten. Eine pöbelnde Partei dazu im Bundestag. Ich sitze längere Zeit fassungslos da. In mir kommt der Druck zurück, den ich als Pflegekraft oft hatte: Überarbeitung, eigene Ansprüche, Berufsethik, Angst vor Fehlern. Für einen Moment schnürt es mir die Kehle zu. Ich habe Angst, in welche Richtung sich das alles noch entwickelt: Wie viele Pflegekräfte müssen noch gehen und wie viele Menschen noch sterben. Wo sind wir nur gelandet?

    Stefan Heyde

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