
Es wird langsam Herbst und die Angst vor erneut steigenden Corona-Zahlen nimmt zu – besonders in Pflegeheimen. Wusstest du, dass von den rund 71.000 Opfern der Pandemie rund 40 Prozent, also fast 29.000 Todesfälle, aus Pflegeeinrichtungen kommen? Eine erschreckende Zahl. Sie zeigt eindeutig, wie sehr vor allem die Altenpflege bzw. die alten und multimorbiden Menschen unter dem Coronavirus gelitten haben. Da ist es nicht verwunderlich, dass dort Ängste bestehen, es könnte bei einer möglichen vierten Welle ähnlich enden.
Natürlich kann man die Situation nicht ganz genau vergleichen. Denn heute ist eine hohe Zahl der Bewohner:innen und auch das Personal von Pflegeeinrichtungen geimpft. Schauen wir zurück, so ist es für mich auch offensichtlich, dass sich die Vorgehensweise bezüglich der Corona-Maßnahmen keinesfalls wiederholen darf. Die Menschen dürfen nicht mehr vollkommen isoliert werden. Was das mit der Psyche von z. B. Demenzkranken machen kann, zeigen viele traurige Beispiele. Der gesundheitliche Zustand von Betroffenen hat sich zum Teil rapide verschlechtert. Ja, man könnte sogar mitunter vermehrt sagen, der Lebenswille wurde durch die Isolation gebrochen und ist erloschen. Aber auch Bewohner:innen, die vorher nur kleinere Einschränkungen hatten, haben massiv abgebaut. Manchmal braucht es dafür keine Erkrankung – die soziale Isolation reicht aus.
Was kann man tun, um eine Wiederholung der tragischen Ereignisse bei einer möglichen vierten Welle zu verhindern?
Die Antworten wären eigentlich ganz einfach:
- eine strikte Testung von Besucher:innen und damit eine verbundene „No Go Area” für Menschen ohne Impfung
- eine Nachimpfung von Bewohner:innen und Pflegepersonal
- Anwendung von verbesserten und praktikablen Hygienekonzepten
- bessere personelle Ausstattung der Einrichtungen
Klingt in der Theorie alles eigentlich sehr einleuchtend. Aber die Politik hat auch jetzt wieder die Zügel schleifen und wertvolle Zeit bis zum Herbst verstreichen lassen. Immer noch liegen Hygienekonzepte von Pflegeheimen bei den Gesundheitsämtern, weil dort schlichtweg Personal zur Prüfung und Anerkennung fehlt.
Den Einrichtungen muss bereits jetzt genügend Schutzausrüstung zur Verfügung und Lagerung gestellt werden, verspätete Beschaffungsmaßnahmen darf es diesmal nicht mehr geben. Die Bewohner:innen und Pflegekräfte müssen so frühzeitig wie möglich nachgeimpft werden, um den direkten Schutz für alle aufrechtzuerhalten. Es sollten kostengünstig Schnelltests angeschafft und eingelagert werden, um im Ernstfall schnell handeln zu können.
Pflege-Pools für freiwillige Helfer
Für die vorangegangenen Maßnahmen wird aber auch Personal benötigt. Denn es kann und darf dem pflegenden Stammpersonal nicht zugemutet werden, diese Tätigkeiten erneut durchzuführen. Hierfür bietet es sich an, „Pflege-Pools“ in den einzelnen Bundesländern anzulegen, über die sich Freiwillige registrieren und unkompliziert vor Ort helfen können. Die Pflegekammer in Rheinland-Pfalz hat den Versuch eines solchen Pools in der Vergangenheit zumindest einmal gestartet – wenn auch mehr oder minder erfolgreich.
2G-Besuchsregelung in Pflegeheimen
Und man darf eines nicht vergessen: eine strikte Besuchsregelung. Wir sprechen bundesweit aktuell noch von der „3G-Regel”: geimpft, genesen, getestet. Künftig würde ich sie für Pflegeeinrichtungen auf „2G” – geimpft und genesen – reduzieren. Denn wir müssen uns als Gesellschaft klar machen, dass gerade in den Pflegeheimen Personengruppen leben und auch arbeiten, die am meisten Schutz benötigen. Das haben sowohl die Bewohner:innen als auch die Pflegekräfte verdient.
Noch hat die Politik ein wenig Zeit, sinnvolle Maßnahmen im Hinblick auf eine mögliche vierte Welle auf den Weg zu bringen. Wir befinden uns aktuell jedoch im Wahlkampf und die Bundestagswahl ist erst am 26. September – wiederum genug Zeit, in welcher so manches wichtige Thema im Meer der bunten Plakate und Wahlversprechen untergehen oder einfach nur versprochen werden kann.
Stefan Heyde


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