
**Ich frage Menschen hin und wieder ganz unverblümt, was sie mit der Pflege verbinden bzw. was ihnen dabei als Erstes in den Sinn kommt. Als Pflegefachkraft kannst du dir sicher vorstellen, was dann für Geschichten kommen: ein gebrochener Arm beim Fußball, eine Operation wegen einer Blinddarmentzündung oder Kopfwunden, die genäht werden müssen. Bei einigen älteren Menschen kommt meist noch die Tätigkeit als Zivildienstleistende:r (kurz „Zivi“) hinzu. Was das jetzt alles mit dem Thema zu tun hat? Ganz einfach: Das Berufsbild der Krankenpflege ist in der Gesellschaft wesentlich präsenter als das der Altenpflege. **
In Kontakt mit der Altenpflege kommt man frühestens als Kind, wenn Oma und Opa alt sind bzw. gepflegt werden oder ins Heim müssen. Spätestens aber dann, wenn die eigenen Eltern nicht mehr so können und man selbst es nicht mehr schafft, sich zeitaufwendig um sie zu kümmern oder es auch nicht möchte – wie etwa Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der sich nicht vorstellen kann, seine Eltern einmal zu pflegen. Erst dann kommt das Thema Pflegeeinrichtung oder „Altenheim“ auf den Tisch und die Altenpflege gerät ins Blickfeld.
Schauen wir einfach einmal ins TV-Programm: „Grey’s Anatomy“, „Schwester Stefanie“ und „In aller Freundschaft“. Dies sind nur drei Serien, welche mir aufgrund des Bezugs zum Krankenhaus und der Krankenpflege sofort einfallen. Die Krankenpflege wird oft als „Engel in weißen Kitteln“ dargestellt, der in der Not zur Stelle ist und für die eigene Genesung sorgt. Damit wird die Krankenpflege, trotz der Arbeitsumgebung mit positiven Aussagen verknüpft. Dass diese absolut nichts mit der Realität des harten Berufsalltags zu tun haben, weiß jede Pflegekraft da draußen, spielt aber in diesem Fall keine Rolle. Wenn sich nun also die Krankenpflege über die Zustände beschwert, kann sie sich sicher sein, dass Menschen sich eher für ihre Sorgen interessieren.
Ein Großteil der Pflege in Deutschland wird trotz allem nach wie vor durch Familienangehörige übernommen. Dadurch entsteht leider der Eindruck, dass es für die Altenpflege gar keine große Qualifikation benötige, wenn sie ja durch quasi jeden erledigt werden kann. „Bettpfannen leeren und Ärsche abputzen“. Das ist leider das Bild, was nicht selten vor dem geistigen Auge oder in Aussagen erscheint, wenn das Thema auf die Altenpflege fällt. Die vielfältigen Herausforderungen in Fachwissen und Praxis verkommen da zu einer Nebensache.
Die Konsequenzen daraus sind schnell gefunden: Es fehlt an einem Bewusstsein in der Bevölkerung für den Beruf der Altenpflege. Dies führt dann auch zu der schlechteren Bezahlung der Altenpflege im direkten Vergleich zur Krankenpflege: Im Schnitt sind es ca. 600 Euro brutto Unterschied beim Verdienst.
Eine Berufsgruppe, der man weniger Bedeutung und Wert beimisst, wird mit einem niedrigeren Gehalt entlohnt. Dabei bleibt gänzlich irrelevant, ob sich im Laufe der Zeit die Anforderungen und der Beruf an sich komplett geändert haben – gerade in Bezug auf die Vielzahl an neurologischen Erkrankungen (Parkinson, Demenz etc.) und die immer älter und multimorbider werdende Gesellschaft.
Wenn wir es zusammenfassen, so führen die Angst vor dem Altwerden und negative Assoziationen sowie ein mangelndes Bewusstsein für den Beruf und eine schlechte Lobbyarbeit dazu, dass der Wert der Altenpflege allgemein gesellschaftlich wesentlich geringer eingeschätzt wird als jener der Krankenpflege.
In den letzten Tagen war es wieder einmal so weit. Eine neue Statistik über die Krankheitstage innerhalb der Pflege wurde veröffentlicht. Das Ergebnis war wenig überraschend, sondern eher erschreckend – vor allem Fachkräfte in der Altenpflege waren am häufigsten krank. Ein Bild der aktuellen Situation: Die Pflegekräfte gehen tagtäglich über ihr Limit, bis sie nicht mehr können und brechen letztendlich doch zusammen. Gerade die psychischen Erkrankungen nehmen in den letzten Jahren immer mehr zu. „BurnOut“ oder „CoolOut“ sind häufig zu hören.
Ich bin gespannt, wann in den Köpfen der Punkt erreicht ist, an welchem man in Berlin bereit ist darüber nachzudenken, wie wir die Pflege in Deutschland gerechter und zukunftsfähiger gestalten können, statt sich in erster Linie mit personellen Machtkämpfen oder den Börsennachrichten zu befassen.
Stefan Heyde


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