Der Zivildienst – lästige Pflicht oder Chance für junge Leute?

MEDWING
August 20, 2024

Für Stefan Heyde war der Zivildienst prägend. Er findet, ein soziales Jahr sollte wieder verpflichtend sein.

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    Stefan Heyde


    Wer hätte es gedacht – durch die schlimmen Umstände des Krieges in der Ukraine diskutiert man in Deutschland wieder eine Wehrpflicht und damit verbunden auch eine Neuauflage des Zivildienstes.

    Ich denke, so manchen von euch ist auch der Zivildienst noch geläufig. Ich selbst habe ihn als Ersatz zum Wehrdienst abgeleistet. Damals arbeitete ich in einem Behindertenwohnheim des Arbeiter-Samariter-Bundes. Ich kam zum ersten Mal in Kontakt mit Menschen mit Behinderungen. Vorher war ich teilweise für das Deutsche Rote Kreuz im Rettungsdienst gefahren.

    Es war für mich neu, es war ungewohnt und es war teilweise auch unbequem. Man musste sich damit auseinandersetzen, dass es noch mehr gibt als Party, Glück und Karriere. Ich lernte, dass mein Leben endlich ist, dass man schnell auf Hilfe angewiesen sein kann und eigentlich nichts planbar ist.

    Für mich war es damals vollkommen normal und auch in der Gesellschaft akzeptiert dass man, bevor man in die Berufsausbildung oder das Studium startete, der Gesellschaft einen Teil zurückgab. So manchen Menschen hat es erst durch diesen Pflichteinsatz in den Gesundheitsbereich verschlagen. Auch ich hatte vorher überhaupt keine Berührungspunkte mit Pflege oder Gesundheit. Und wenn es nach den Test, bei denen man seinen passenden Beruf herausfinden sollte, gegangen wäre, würde ich als Flugzeugmechaniker arbeiten. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies garantiert nicht zu mir gepasst und mich glücklich gemacht hätte.

    „Der Zivildienst war mein Weg in die Pflege“

    Natürlich können Zivis nicht den Pflegenotstand beheben. Das war auch nie die Aufgabe. Als Zivi habe ich entlastet und geholfen, soweit es mir möglich war. Was beim Zivildienst viel wichtiger war, war der Kontakt mit den Schwachen unserer Gesellschaft. Nähe zuzulassen, Leid auszuhalten und auch Schmerzen in einem Gespräch zu lindern. Wir waren da, wenn die Fachkräfte viel zu tun hatten.

    Für mich ist es bis zum heutigen Tag unglaublich, dass man dieses Pflichtjahr abgeschafft und durch ein freiwilliges soziales Jahr ersetzt hat. Es konnte so nie funktionieren und so kam es auch. Es entstand der Eindruck, dass verpflichtendes Engagement nicht mehr zeitgemäß oder, in unserer Leistungsgesellschaft, sogar verlorene Zeit ist.

    Leider spiegelt dies einen bestimmten Wandel in der Gesellschaft wieder. Wir entwickeln uns immer weiter davon weg, etwas für andere oder die Gesellschaft zu tun. „Was springt dabei für mich raus?“, „Da verdient man ja nix dabei!“ oder „So kann ich keine Karriere machen!“, sind oft gehörte Sätze. Dabei ist es gerade für junge Menschen eine großartige Chance, nach ihrer Schulausbildung noch ein wenig Zeit zu haben, sich zu orientieren. Die Erfahrungen eines sozialen Jahrs sind für viele prägend und bereichernd.

    Für mich kann man gerne über die Art und Form dieses Pflichtjahres diskutieren. Man kann auch über die Bezahlung reden. Was für mich aber klar ist: Der Zivildienst war für mich kein Hindernis. Er wurde letztlich zu einem Teil des Weges, wie ich in die Pflege kam und zu dem Menschen wurde, der ich heute bin. Ich finde: Wir brauchen wieder ein soziales Pflichtjahr!

    Stefan Heyde


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