Hitze: So schützt du Pflegeheim-Bewohner:innen und Patient:innen

MEDWING
August 20, 2024

Hitze ist für alte und kranke Menschen gefährlich. Was kann die Pflege zum Schutz vor hohen Temperaturen tun?

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    In diesem Sommer gibt es in weiten Teilen Europas und auch in Deutschland neue Temperaturrekorde. Was Sonnenanbeter jubeln lässt, stellt Pflegekräfte vor große Herausforderungen. Denn hohe Temperaturen belasten alte und kranke Menschen und bergen jede Menge Gefahren. Wir haben die wichtigsten Aspekte zusammengefasst und stellen die besten Maßnahmen vor, wie Pflegepersonal gesundheitlichen Risiken bei Hitze vorbeugen kann.

    Auch in diesem Sommer macht sich der Klimawandel in Deutschland und Europa durch extreme Hitze bemerkbar. Neben zahlreichen Gefahren für die Natur durch Waldbrände und Dürren wirken sich die heißen Temperaturen auch auf die Gesundheit der Menschen aus.

    Bereits die Hitzesommer der Jahre 2018, 2019 und 2020 bedingten eine Übersterblichkeit in Deutschland – zum ersten Mal in drei aufeinanderfolgenden Jahren. Forscher:innen zufolge forderten die Sommer insgesamt über 19.000 hitzebedingte Todesopfer. Besonders betroffen: Menschen mit Vorerkrankungen und Senior:innen.

    Auswirkungen von Hitze auf alte und kranke Menschen

    Der Körper von älteren Menschen, Personen mit chronischen Vorerkrankungen oder Pflegebedürftigen kann auf hohe Temperaturen nicht mehr angemessen reagieren, weil die Selbstregulierung gestört ist. Das ist für den Organismus oftmals so belastend, dass nicht nur die Gefahr von Hitzschlag, Hitzekollaps oder Hitzeerschöpfung besonders groß ist, sondern diese im Extremfall sogar zu Todesfällen führen können. Ursachen sind hitzebedingte Herzkreislaufstörungen, Nierenversagen, Atemwegserkrankungen und Schlaganfälle. Die Tendenz dieser Todesfälle steigt – nicht umsonst warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor, dass Gesundheitsgefährdungen durch Extremwetterlagen im 21. Jahrhundert weiter zunehmen werden.

    Vor allem Anpassungsschwierigkeiten des Körpers oder Erkrankungen machen die Hitze für alte und kranke Menschen zur großen Belastung. Zu den Anpassungsschwierigkeiten zählen bei älteren Menschen die fehlende Wahrnehmung der hohen Temperaturen. Daraus resultiert eine Überlastung oder auch, dass sie zu dicke und enge Kleidung tragen, die die Wärmeregulation erschwert.

    Weiterhin kann ein nachlassendes Durstgefühl im Alter bei den Senior:innen zu Dehydratation durch Flüssigkeits- und Elektrolytmangel führen, weil der Körper zusätzlich noch weniger Wasser speichert. So mancher alte Mensch trinkt auch weniger, um häufige Toilettengänge und ein Druckgefühl auf der Blase zu vermeiden.

    Erschwerend hinzu kommt, dass die Haut älterer Menschen schlechter durchblutet wird, wodurch weniger Körperwärme nach außen abgegeben wird und sie auch weniger schwitzen. Somit ist ein wichtiger Regulationsmechanismus des Körpers, um nicht zu überhitzen, eingeschränkt. Die körpereigene Klimaanlage läuft in dem Fall nur noch auf Sparflamme.

    Heiße Temperaturen erfordern eine aufmerksame Pflege

    Krankheiten erhöhen das Risiko hitzebedingter Beschwerden ebenfalls. Dazu gehören Schlaganfall, chronische Erkrankungen (zum Beispiel Diabetes oder Lungen- und Nierenkrankheiten), neurologische Erkrankungen (Parkinson, Multiple Sklerose und Co.) oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen (wie Herzinsuffizienz oder koronare Herzkrankheit) sowie alle Krankheiten, die die Wahrnehmungs- und Gedächtnisfähigkeit einschränken (Alzheimer-Demenz)

    Schon Raum- und Umgebungstemperaturen von 26 Grad Celsius werden für oben genannte Personengruppen zur Belastungsprobe. Doch spätestens, wenn die Temperatur für ein paar Tage bei um die 30 Grad liegt, sollten Pflegekräfte handeln, um Patient:innen und Heimbewohner:innen bestmöglich zu schützen. Das Tückische: Nicht nur die Zahl auf dem Thermometer ist ausschlaggebend für das Temperaturempfinden. Auch der Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit und die Windstärke beeinflussen die gefühlte Temperatur. Sie wird dadurch oftmals als geringer empfunden, als sie tatsächlich ist, wodurch die Gefahr unterschätzt wird und schützende Maßnahmen ausbleiben.


    Ältere Frau kühlt sich am Ventilator ab mit Wasserglas


    Dehydratation: großes Risiko bei hohen Temperaturen

    Eine Dehydratation kann für alte Menschen schnell lebensgefährlich werden. Daher ist es für Pflegekräfte wichtig, sie zu vermeiden bzw. die Anzeichen schnell zu erkennen.

    Anzeichen Dehydratation:

    • Kopfschmerzen und Schwindel
    • niedriger Blutdruck, schneller Puls
    • Kopfschmerzen
    • plötzliche Vergesslichkeit oder Verwirrtheit
    • trockener Mund oder sowie trocken Lippen, Zunge und Schleimhäute
    • Muskelschmerzen oder Krämpfe
    • erhöhte Körpertemperatur
    • geringe, stark konzentrierte Urinausscheidung oder Verstopfung
    • Erbrechen

    Tritt eine Dehydratation auf, sollte die Person schnellstmöglich mit Flüssigkeit oder flüssigen Lebensmitteln versorgt werden. Hat der Wassermangel bereits schwerwiegendere Auswirkungen, können auch subkutane Infusionen, also das Einbringen von Flüssigkeit in das Unterhautfettgewebe, ein Mittel sein.

    Welche Maßnahmen sollten Pflegekräfte bei großer Hitze ergreifen?

    Umso bedeutender also, dass Pflegekräfte in Hitzeperioden verstärkt ihre Aufmerksamkeit darauf legen, das Gesundheitsrisiko durch hohe Temperaturen für Alte und Pflegebedürftige zu senken. Folgende Maßnahmen können dabei helfen:

    Dafür sorgen, dass Patient:innen und Pflegeheimbewohner:innen genug trinken:

    • Immer Getränke griffbereit stellen, entweder neben das Bett oder in greifbare Nähe. Das muss nicht nur Wasser sein, auch ungesüßte Tees oder andere Lieblingsgetränke sind erlaubt, sofern sie gesundheitlich vertretbar sind. Die Getränke sollten jedoch nicht eisgekühlt sein, da dies das Durstgefühl zu schnell vermindert.
    • Haben Bewohner:innen oder Patient:innen Probleme beim Greifen oder Trinken, entsprechende Trinkgefäße, Trinkhilfen oder Trinkhalme bereitstellen.
    • Zusätzlich kann kleingeschnittenes wasserhaltiges Obst und Gemüse gereicht werden, um für Abwechslung zu sorgen.
    • Mithilfe von Trinkerinnerungen durch Handy oder Wecker können Patient:innen und Heimbewohner:innen auch selbständig daran erinnert werden, genug zu trinken.
    • Bei „schweren Fällen“ sind Trinkprotokolle sinnvoll, damit Pflegekräfte den Überblick behalten, wer wann wie viel zu sich genommen hat, und notfalls nachhelfen können.

    Zimmer der Gesundheitseinrichtung kühlen:

    • Direkt morgens vor der ersten Hitze bereits alle Fenster, Vorhänge, Rollläden und Jalousien schließen, um die Wärme im Zimmer auszusperren.
    • Nur morgens und abends lüften, wenn möglich quer.
    • Darauf achten, dass die Zimmertemperatur am Tag maximal 24-26 Grad beträgt, nachts hingegen unter 24 Grad.
    • Ventilatoren und mobile Klimageräte sorgen ebenfalls für kühlende Luftströme.

    Aktivitätsniveau anpassen:

    • Gefährdete Senior:innen sollten bewegungsintensive Aktivitäten in die frühen Morgenstunden oder in den Abend verlegen. Bei extremen Temperaturen können alternative Beschäftigungen vorgeschlagen werden.
    • Auch sollten hitzegefährdete Menschen immer schattige Plätze aufsuchen, zum Beispiel unter Bäumen oder Sonnenschirmen.

    Richtige Kleidung:

    • Ideal ist leicht-luftige Baumwollkleidung, die den Körper locker umspielt.
    • Zusätzlich empfiehlt es sich, draußen Kopfbedeckungen mit breiter Krempe und integriertem Nackenschutz zu tragen.

    Körper der Pflegebedürftigen kühlen:

    • Regelmäßig feuchte Tücher auf Nacken und Stirn legen oder kühlende Wickel anwenden.
    • Lauwarme Fuß- und Armbäder oder Duschen anbieten. Das Wasser sollte nicht kälter als 25 Grad sein.
    • Arme, Beine, Stirn und Nacken zwischendurch mit kühlem Wasser aus einer Sprühflasche benetzen.
    • Auch Kühlwesten können sinnvoll sein.

    Für guten Schlaf sorgen:

    • Vorm Schlafengehen das Bett mit einer kalten Wärmflasche herunterkühlen.
    • Leichtes, atmungsaktives und kühlendes Bettzeug wählen, um einen Hitzestau zu vermeiden.


    Thermometer anzeigen 40 hohe Temperaturen in der Sonne Sommertag


    Medikamente und Hitze: Nebenwirkungen möglich

    Die Einnahme bestimmter Medikamente kann die Fähigkeit des Körpers zur Temperaturregulierung beeinträchtigen und auch bestehende gesundheitliche Probleme verstärken. So beeinflussen manche Arzneimittel zum Beispiel die Nierenfunktion und damit den Elektrolythaushalt, was bei hohen Temperaturen das Risiko einer Dehydrierung begünstigt.

    Andere Medikamente wiederum hemmen das natürliche Schwitzen, sodass die Wärme nicht über die Haut verdunsten kann. Und bestimmte Pillen und Tabletten erweitern die Gefäße, was ebenfalls die körpereigene Abkühlung behindert.Die WHO hat eine Zusammenstellung von Arzneimitteln veröffentlicht, deren Einnahme die natürliche Körperkühlung beeinträchtigt. Dazu zählen:

    • Anticholinerge Arzneimittel: können die zentrale Temperaturregulierung hemmen, die kognitive Wachsamkeit einschränken und das Schwitzen verhindern oder verringern (viele der hier genannten Arzneimittel besitzen anticholinerge Wirkung)
    • Antipsychotika: können das Schwitzen hemmen sowie den systolischen Blutdruck senken, die zentrale Temperaturregulierung hemmen, die kognitive Wachsamkeit und die Gefäßerweiterung einschränken
    • Antihistaminika: können das Schwitzen hemmen und den systolischen Blutdruck senken
    • Mittel gegen Parkinson: können das Schwitzen hemmen, den systolischen Blutdruck senken und Benommenheit sowie Verwirrung verursachen
    • Antidepressiva: hemmen das Schwitzen und einige können die zentrale Temperaturregulierung hemmen und die kognitive Wachsamkeit einschränken
    • Anxiolytika und Mittel zur Muskelentspannung: hemmen das Schwitzen und verstärken die Benommenheit, senken das Herzminutenvolumen und damit die Kühlung durch Gefäßerweiterung und verschlechtern die Atmung
    • Antiadrenergika und Betablocker: können eine Erweiterung (Dilatation) der Blutgefäße in der Haut verhindern und so die Fähigkeit zur Hitzeableitung durch Konvektion verringern
    • Sympathomimetika: Vasodilatatoren einschließlich Nitraten und Kalziumkanalblockern können Hypotonie bei gefährdeten Patienten verschlechtern
    • Antihypertensiva und Diuretika: können zu Dehydrierung führen und den Blutdruck senken. Hyponatriämie kann als häufige Nebenwirkung durch exzessive Flüssigkeitsaufnahme verschärft werden
    • Antiepileptika: können die kognitive Wachsamkeit einschränken und Benommenheit verstärken
    • weitere Arzneimittelgruppen wie Antiemetika, Medikamente gegen Schwindel und gegen Harninkontinenz sowie Magen-Darm-Medikamente: haben ebenfalls anticholinerge Eigenschaften

    Sind Patient:innen auf oben genannte Medikamente angewiesen, sollte sie diese natürlich auch bei hohen Temperaturen weiter einnehmen. Deshalb müssen sie besonders vor Hitze geschützt werden und sollten sich bevorzugt in gekühlten Räumen aufhalten.

    Auch Arzneimittel selbst leiden unter hohen Temperaturen. Je nach Vorschrift müssen sie entweder bei unter 25 Grad oder in einem Kühlschrank gelagert und transportiert werden. Sind bestimmte Medikamente nur für eine Lagerung bis 25 Grad zugelassen, kann deren Wirksamkeit nachlassen. Insbesondere davon betroffen sind bestimmte Notfallmedikamente wie Insulin, Adrenergika, Analgetika, Sedativa oder Antibiotika.

    Fehlende Hitzeschutzkonzepte in Pflegeheimen

    Obwohl Deutschland immer öfter Hitzewellen treffen, mangelt es an Hitzeschutzkonzepten. Zwar existieren seit 2017 „Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit“ des Bundesumweltministeriums und der Länder. Doch eine Recherche von ZEIT ONLINE ergab, dass die Handlungsempfehlungen und Hitzeschutzpläne von den meisten Landkreisen nicht umgesetzt werden.

    In Alten- und Pflegeheimen herrscht eine ähnliche Situation, wie die Stiftung Patientenschutz kritisiert. Bewohner:innen von Pflegeheimen sind der Hitze oftmals hilflos ausgesetzt, da es in vielen Einrichtungen an speziellen Hitzeschutzkonzepten mangelt. Auf Klimaanlagen oder Jalousien wurde in älteren Gebäuden oft verzichtet – mit fatalen Folgen. Denn große Gebäude wie Pflegeheime heizen sich nach ein paar Tagen ordentlich auf und auch die Zimmertemperatur steigt dadurch deutlich an. Einheitliche bundesweite Vorschriften zu geltenden Temperaturrichtwerten in Pflegeheimen sind bislang aber Fehlanzeige. Im Vergleich: Für Büroräume schreibt das Arbeitsschutzrecht Temperaturschwellen vor, bei denen der Arbeitgeber verpflichtet ist, zu handeln. Die Stiftung Patientenschutz fordert politische Vorschriften für den Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen sowie Bauvorschriften, die dem Klimawandel Rechnung tragen.

    Immerhin plant das Gesundheitsministerium nun ein Pilotprojekt mit stationären Altenpflegeeinrichtungen, bei dem Musterhitzepläne entwickelt werden sollen.

    In Berlin stellte das „Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin“ bereits vor Kurzem Musterpläne vor, mit denen sich Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen gegen die Hitze wappnen können. Dazu gehören unter anderem Fortbildungen zu hitzebedingten Erkrankungen und spezifische Maßnahmen bei Hitzewellen. Zu dem Bündnis gehören die Ärztekammer Berlin, die Deutsche Allianz Klimawandel und Ge­sundheit (KLUG) und die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung.

    Unser Gesundheitssystem ist nicht ausreichend auf zukünftige Hitzewellen vorbereitet. Umso wichtiger ist Prävention vonseiten der Pflege, um Patient:innen und Bewohner:innen vor den Hitzerisiken zu schützen. Gezielte Maßnahmen können die gesundheitlichen Gefahren reduzieren. Bestehen sogar offizielle Hitzewarnungen, sollten Pflegekräfte besonders aufmerksam sein, damit alle für die nächste Hitzewelle gut gewappnet sind.

    Katharina Klein


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