Hier erfährst du, welche Rolle Kinästhetik in der Palliativpflege spielt und welche Vorteile und Chancen das Konzept bietet.
Insbesondere in palliativen Pflegesituationen bedarf es spezifischen, pflegerischen Kompetenzen. Die palliative Behandlung fokussiert sich auf pflegebedürftige Menschen mit unheilbaren Krankheiten. Egal, ob du eine Palliative Care-Weiterbildung in Betracht ziehst, oder bereits Teil eines Palliativ-Teams bist: Kinästhetik-Kompetenzen finden in deinem beruflichen Alltag zahlreiche Einsatzmöglichkeiten. Konzepte und Grundpositionen von Kinästhetik lassen sich in der Palliativpflege vielfach anwenden.
Palliative Care: Lebensqualität erhalten
Palliative Care umfasst die Versorgung, Betreuung und Begleitung von schwerkranken Menschen mit unheilbaren Krankheiten. Palliative Pflege, Palliativmedizin und auch eine hospizliche Begleitung lassen sich unter dem Oberbegriff Palliative Care zusammenfassen. Durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert sich der Begriff als Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität. Nicht nur für die zu pflegenden Menschen, sondern auch für ihre An- und Zugehörigen.
Menschen, Kinder sowie Erwachsene, mit Bedarf an Palliative Care leiden oft an stark lebenseinschränkenden Symptomen und Einschränkungen der Körperfunktionen. Können diese Symptome nicht mehr ursächlich therapiert werden, so beginnt die Arbeit der palliativen Pflege. Zu den am häufigsten auftretenden Symptomen zählen Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Atemnot, Juckreiz, Unruhe, Fatigue, Obstipation oder Wunden. Ziel ist es, den betroffenen Menschen eine symptomfreie, bzw. symptomarme Lebensqualität wiederzugeben. Dabei orientiert sich die palliative Pflege grundsätzlich an den individuellen Bedürfnissen der sterbenden Menschen. Hierbei mit eingeschlossen sind ebenfalls stark psychische und spirituelle Aspekte. Ganz im Sinne einer ganzheitlichen Pflege, werden Körper, Geist und Seele als Einheit betrachtet. Der zu pflegende Mensch steht dabei immer im Mittelpunkt.
Kinästhetik – Bewegung ohne Schmerzen
Schmerzen stellen gerade in der palliativen Versorgung von schwerkranken Menschen eine sehr große Herausforderung dar. Die medikamentöse Therapie ist in der Palliativmedizin mittlerweile enorm auf die Bedürfnisse und die Lebensqualität der Patient:innen ausgerichtet. Dennoch kann die Verabreichung von starken Schmerzmitteln, wie Opioiden, ein schmaler Grat sein. Umso besser, wenn eine Mobilisation von vornherein nicht durch Ängste vor Schmerzen geprägt ist. Das Konzept von Kinästhetik bezieht sich auf 6 Themenbereiche, durch welche die Grundlagen der physiologischen Bewegung und die Prozesse menschlicher Bewegungsbeziehungen gelehrt werden. Diese sind:
- Interaktion
- Funktionale Anatomie
- Menschliche Bewegung
- Anstrengung
- Menschliche Funktionen
- Gestaltung der Umgebung
Diese Grundlagen sollen Pflegende dazu befähigen, zunehmend Bewegungsressourcen der Pflegebedürftigen zu erkennen. Ihnen soll ein Gefühl der Selbstkontrolle wiedergegeben werden. Die Bewegungslehre erleichtert die Anpassung der Berührungen an die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen. Nimmt die Pflegekraft beispielsweise eine hohe Körperspannung wahr, darf sie nicht mit mehr Druck dagegen arbeiten, denn dies kann Angst und ein Gefühl der Hilflosigkeit auslösen.
Unsicherheiten der Pflegefachpersonen in Bezug auf unzureichende Fertigkeiten können Stress auslösen. Daher ist es nicht zuletzt in der Palliative Care von hoher Bedeutung, die Kompetenzen zu stärken und zu fördern. Je mehr Sicherheit bei der Ausführung von Kinästhetikkompetenzen vorhanden ist, desto eher verbessert sich die Selbstwirksamkeit der Pflegenden. Sie schonen außerdem ihren eigenen Körper durch gezielte Gewichtsverlagerungen und Entspannung statt Anspannung.

Mehr Bewegungskompetenz, Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit
Für jeden Menschen hat Bewegung eine etwas andere Bedeutung. Viele verbinden hiermit Freiheit, für manche steht die Selbstbestimmung und die Lebensqualität an vorderster Stelle. Für Menschen, welche auf eine palliative Pflege angewiesen sind, ändert sich die Wahrnehmung und die Bewegungen ihres eigenen Körpers oft drastisch. Die alltäglichen Aktivitäten sind mitunter nicht mehr alleine durchführbar oder müssen ganz übernommen werden. Pflegefachpersonen müssen lernen, welche Bewegungen für die Betroffenen hilfreich und angenehm sind. Ebenso gilt es zu erkennen, welche Berührungen eher unangenehm, anstrengend und somit kontraproduktiv sind.
Das Besondere bei Kinästhetik ist, dass die Patient:innen bzw. Heimbewohner:innen so bewegt werden, dass sie die Selbstkontrolle über ihre Bewegungen behalten. Die Pflegenden müssen dabei kein Gewicht heben und keine unnötigen, ruckartigen oder unangenehmen Lagerungen vornehmen. Sie bewegen die Patient:innen nicht „en bloc“ und mit viel Kraftaufwand, sondern ein Körperteil nach dem anderen. Die Erfahrung vieler Pflegekräfte zeigt, dass schwerkranke Menschen mit einer hohen Bewegungseinschränkung doch zu mehr fähig sind, als vielleicht zunächst angenommen. So kann durch achtsames Handling und Kreativität jeder Transfer, auch oder gerade für Menschen in der letzten Lebensphase, mehr Wohlbefinden ermöglichen.
Hierbei geht es nicht nur um umfangreiche Transferprozesse, zum Beispiel vom Bett in den Rollstuhl, sondern auch um die Unterstützung bei kleineren Bewegungen und Positionsänderungen. Das Konzept der Kinästhetik beinhaltet die Suche nach Mitteln und Wegen, dem Pflegebedürftigen eigenständige Aktivitäten zu ermöglichen. In der palliativen Pflege finden diese meist auf eingeschränktem Raum statt. Doch beispielsweise können schon Hilfsmittel im Pflegebett, wie eine zusammengerollte Decke oder ein Schaumstoffkissen, dem Patienten Bewegungen wie das selbstständige Aufrichten erleichtern. Auch räumliche Veränderungen, wie die Verkürzung des Weges vom Bett zur Toilette, können helfen, Selbstständigkeit so lange wie möglich zu bewahren.
Symptomatische Behandlung in der palliativen Pflege durch Berührung und Bewegung
Viele Pflegefachpersonen sind bereits bestens im Bereich der Symptomkontrolle geschult. Dennoch gibt es immer wieder Unsicherheiten dabei, wie im pflegerischen Alltag Transfer, Lagerungen und Positionswechsel bei schwerstkranken Menschen am besten durchgeführt werden. Vor allem die Tatsache, dass über Berührungen und Bewegungen ebenso Symptome reduziert werden können, ist für viele Pflegende noch immer unbekannt.
Unter anderem hat sich Frau Dr. Carola Maurer vom Institut für Angewandte Pflegewissenschaft der Ostschweizer Fachhochschule in St. Gallen 2022 in ihrer wissenschaftlichen Arbeit „Kinästhetikkompetenz in der spezialisierten Palliative Care“ diesem Thema gewidmet. Sie beschreibt und evaluiert in der Studie eine Möglichkeit, Kinästhetik in der palliativen Pflege mehr zu integrieren. Maurer bezieht ihre Arbeit auf die Implementierung des Schulungsprogramms „Advanced Kinaesthetics in Palliative Care“ (AdKinPal). Bei dieser Schulung handelt es sich um ein sechsmonatiges Programm. Ziel ist es, Palliative Care Pflegende zu befähigen, durch Berührungen und verschiedene Bewegungsmuster einen pflegerischen Beitrag zum Symptommanagement zu leisten. Eine vielversprechende Möglichkeit für die betroffenen Menschen und für die professionelle Pflege. Die kinästhetischen Übungen und Konzepte sollen beispielsweise dazu befähigen, Bewegungen schmerzfrei auszuführen oder bei Atembeschwerden Erleichterung durch Bewegungsunterstützung zu erfahren. Bewegungskompetenz sowie Bewegungswahrnehmung, gilt es bei den Pflegebedürftigen sowie bei den Pflegefachpersonen zu fördern.
Dr. Maurer äußert sich in ihrer Arbeit wie folgt: Viele Pflegende erleben mögliche Verhaltensveränderungen im Alltag insofern, dass sie in Notfallsituationen, wie starker Atemnot, gelassener bleiben. Sie legen mehr Aufmerksamkeit auf die Pflegesituation und nehmen die Bedürfnisse der Patient:innen häufiger bzw. besser wahr. Das tägliche Handeln der Pflegefachpersonen wurde durch Selbsterfahrungsmöglichkeiten am eigenen Körper beeinflusst, weiterhin passten sie ihre Geschwindigkeit wird dem Gegenüber an und konnten den Pflegealltag und den Umgang mit den Patient:innen kreativer gestalten.
Feedback von Pflegefachpersonen auf Kinaesthetics in der Palliativversorgung
Pflegekräfte in der Palliative Care empfinden den Arbeitsalltag mit Kinästhetik auf unterschiedliche Art und Weise. Positive Empfindungen überwiegen. Rückmeldungen sind beispielsweise:
- Weniger Verspannungen und Rückenschmerzen
- Die zu pflegenden Menschen sind ruhiger und entspannter
- Ressourcen werden verstärkt berücksichtigt
- Keine „Hauruck“-Aktionen mehr beim Transfer
- Teilweise aber auch Scheu, Menschen in der letzten Lebensphase noch unnötig oft Bewegungen zu unterziehen
Je stressiger der Arbeitstag, desto höher die Körperspannung. Schon kleine Änderungen der eigenen Haltung, beispielsweise bewusstes Aufrichten, Dehnen und Lockern können Verspannungen und Schmerzen vorbeugen. Kinästhetik hat also auch Vorteile für die körperliche Gesundheit des Pflegepersonals.
Bewegungen finden bis zum Lebensende statt. Sie stehen für Selbstbestimmtheit, Zufriedenheit und Lebensqualität. In der palliativen Pflege können, ausgehend durch schwerwiegende Symptome, Berührungen und Bewegungen zu einer qualvollen Tortur werden. Bisher ist das Angebot an Kinästhetik-Kursen für Pflegekräfte und Angehörige, die Menschen palliativ betreuen, leider begrenzt. Doch die Zusammenarbeit zwischen Kinästhetik und Palliative Care bietet bedeutendes Potenzial, Bewegungskonzepte schonend für Pflegende und zu pflegende Menschen in den Alltag zu integrieren. Ressourcen können verstärkt genutzt werden und Pflegende rückenschonend arbeiten – eine Chance auf Verbesserung in jeder Hinsicht.
Sarah Micucci


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