Eine aktuelle Studie des Neuropsychiatrischen Zentrums Hamburg (NPZ) nimmt die psychischen Belastungen in der Pflege genauer unter die Lupe. Pflegekräfte berichten von mangelnder Krankheitsüberbrückung, unzureichenden Pausen und von Mobbing bis hin zu Diskriminierung.
Die ständige Konfrontation mit Krankheit, Tod, Zeitdruck, engen Dialogen und zeitweise auch Konflikten mit Angehörigen gehören zum Alltag des Pflegeberufes. Diese Gegebenheiten lassen sich zwar nur teilweise ändern, dafür aber zumindest lindern und reflektieren. Auch fehlende Pausen, Mobbing, kurzfristiges Einspringen und unklare Aufgabenbeschreibungen sind Widrigkeiten, die in dem Job nicht naturgegeben sind. Sie lassen sich – zumindest theoretisch – gut in Angriff nehmen. Praktisch sieht es leider oft anders aus: Noch immer scheint hier viel zu wenig zu passieren, wie zahlreiche Umfragen zur Situation der Pflegekräften aus den letzten Jahren zeigen. Darunter auch die aktuelle Umfrage des Neuropsychiatrischen Zentrums Hamburg (NPZ), das die psychischen Belastungen in der Pflege genauer unter die Lupe nimmt.
Leider kein Einzelfall: Mobbing und Diskriminierung in der Pflege
Das NPZ hat sich auf die Betreuung von Pflegekräften spezialisiert und ist einer der größten Anbieter für ambulante Patientenbehandlung mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen in und um Hamburg. In einem ersten Schritt wurden 190 Pflegekräfte aus unterschiedlichen Bereichen befragt, darunter Fachpersonal in der ambulanten Pflege, in Pflegeheimen und Krankenhäusern, in der Palliativpflege sowie in der Verwaltung. In diesem Rahmen führt das Zentrum auch die gesetzlich vorgeschriebenen regelmäßigen Gefährdungsbeurteilungen in Pflegeheimen durch. Die dort angesprochenen Themengebiete bilden dabei die Grundlage der aktuellen Befragung. Die ersten Ergebnisse der Umfrage zeigen bereits deutlich, dass alle Arbeitsbereiche unter hohen psychischen Belastungen leiden. Dabei scheinen insbesondere Mobbing und Diskriminierung keine Ausnahme zu bilden:
- So scheint insbesondere der Umgang mit Kollegen oft konfliktbeladen: Mehr als ein Drittel der Befragten klagt über Unstimmigkeiten innerhalb des Teams bis hin zu Mobbing
- Ein Viertel der Befragten spricht dabei sogar von echter Diskriminierung
- Rund 50 Prozent der befragten Pflegekräfte beklagen, dass sie kein persönliches und angemessenes Feedback vonseiten ihres Chefs erhalten
- 55 Prozent halten zudem den Personalschlüssel für unzureichend
- Besonders kritisch wird der Personalmangel von den Mitarbeitern im Krankenhaus empfunden, denn dort kritisierten fast 80 Prozent die unzureichende personelle Auslastung
- Mehr als drei Viertel der Pflegenden empfinden ihre Arbeit als emotional anstrengend: Das Begleiten der Patienten bis in den Tod, das Betreuen der Angehörigen und die Tatsache, sich immer wieder auf neue Situationen einstellen zu müssen, werden dabei als besonders belastend angesehen
- Zudem geben rund 70 Prozent der Befragten an, dass es im Falle von krankheitsbedingten Ausfällen keine festen Regelungen zur Überbrückung des Personalmangels gibt
- Auch kann laut der Umfrage gerade mal jede dritte Pflegekraft geplante Pausen ausreichend wahrnehmen
Die Studie zeigte auch, dass Pflege nicht gleich Pflege ist. Denn je nach Arbeitsbereich sprachen die Teilnehmer von unterschiedlichen Beanspruchungen. So sind beispielsweise in der Palliativpflege die Belastungen durch die Arbeitsorganisation und die zu bewältigenden Arbeiten besonders hoch. Im ambulanten Bereich hingegen, wo die Pflegerinnen und Pfleger größtenteils einzelkämpferisch unterwegs sind, fehle es am Austausch innerhalb eines Teams.
Schritt zwei der Umfrage: Studienteilnahme per App
Nach den ersten Ergebnissen der Umfrage soll die Datenerhebung im nächsten Schritt nun ausgeweitet werden. Dazu will das NPZ neben Pflegekräften im Raum Hamburg auch Fachpersonal im Rhein-Main-Gebiet befragen. Hierzu hat das Zentrum eine App entwickelt, die bald für iPhones und Android-Handys verfügbar sein soll. Durch die Ergebnisse der Fragen, die selbstverständlich auch am Computer und auf einem herkömmlichen Fragebogen beantwortet werden können, will das NPZ langfristig eine repräsentative Datenbasis erhalten und auswerten.
Ziel ist es, die Ergebnisse in das vom NPZ entwickelte betriebliche Gesundheitsförderprogramm coachforcare einfließen zu lassen. Das berufsspezifische Präventionsangebot wurde speziell für Pflegekräfte entwickelt. Hintergrund sind die wachsenden psychischen Belastungen innerhalb der Pflege, die zu Ausfällen aufgrund von Krankheit und nicht selten auch zu vorzeitigem Ausscheiden aus dem Beruf führen. Damit steigt wiederum die Belastung für die bleibenden Pflegekräfte weiter an und auch für die Pflegebedürftigen selbst, die mit immer kürzeren Pflegezeiten und zunehmend gestressten Pflegekräften zu tun haben. Die Studie des NPZ will einen Beitrag dazu leisten, diese Spirale der Überbelastung zu durchbrechen, indem das Thema der psychischen Belastung intensiver in den Fokus gerückt und passende Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Wer mehr über die Studie zur psychischen Belastung von Pflegekräften des Neuropsychiatrischen Zentrums Hamburg (NPZ) erfahren möchte, hat am Deutschen Pflegetag 2020 (12. - 14. März) die Gelegenheit dazu. Dort ist das NPZ mit einem Stand vertreten sowie mit einem Vortrag zum Thema „Warum sorgen wir uns mehr um andere als uns selbst? - Gesundheitsförderung für Pflegeprofis“.


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