Franziska ist Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie und arbeitet seit 2014 auf einer interdisziplinären Intensivstation. Uns hat sie aus ihrem spannenden Berufsalltag erzählt und wie ein typischer Arbeitstag im Frühdienst abläuft.
Für die 30-jährige Franziska war das Berufsfeld der Pflege eher Liebe auf den zweiten Blick. „Ich habe mit ungefähr 16 schonmal überlegt, Krankenschwester zu werden. Dann habe ich die Schule gewechselt und doch Abi gemacht. Für die Ausbildung brauchte ich ein Praktikum in der Pflege. Das war ein absoluter Graus. Danach wollte ich den Job eigentlich doch nicht mehr machen“, berichtet die heutige Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie. „Aber ich wollte unbedingt mit Menschen arbeiten. Also startete ich nach dem Abitur dann doch die Ausbildung.“
Ihr wurde schnell bewusst, dass für sie nur die Arbeit auf der Intensivstation infrage kam, „weil es so spannend war und mich gut gefordert hat. Ich wollte meinen Kopf benutzen und nicht auf der Normalstation arbeiten. Da muss man nämlich nur das machen, was angeordnet wird.“
6:00 - 6:15 Beginn des Frühdienstes und „große Übergabe“
Obwohl unser Frühdienst erst um fünf Minuten nach 6 Uhr beginnt, sind die meisten Pflegekräfte bereits einige Minuten vorher auf Station. Sei es, um einen frischen Kaffee zu bekommen oder um sich noch schnell über die neuesten Erlebnisse – sowohl privat als auch dienstlich – auszutauschen. Wir sind ein bunter Haufen. Da gibt es immer viel zu lachen, auch wenn man morgens nach zu wenig Schlaf zerknirscht auf Station ankommt, denn 6 Uhr ist verdammt früh! Zwischen Morgenmuffeln und frischen Lerchen ist alles dabei.
Um kurz nach 6 Uhr morgens beginnt dann unsere „große Übergabe“. Hier trifft sich der gesamte Frühdienst. Eine Pflegefachkraft aus dem Nachtdienst berichtet grob über alle Patient:innen. Dies umfasst die Diagnose, den aktuellen Zustand, was für Untersuchungen anstehen und ob es Therapiebesonderheiten oder eine Patientenverfügung gibt.
Unsere interdisziplinäre Intensivstation verfügt über rund 18 Betten, sowohl Intensivbetten als auch IMC-Betten (Anm.: Intermediate Care. Die Patient:innen benötigen zwar keine intensivmedizinische Behandlung. Aber ihre Vitalfunktionen werden überwacht und sie werden intensiv pflegerisch betreut.) Ja, ich sage „rund 18 Betten“, da wir schon seit Monaten beziehungsweise seit Jahren nur 10 bis 12 Betten aufgrund des Personalmangels belegen können.
Die „große Übergabe“ dauert um die 10 Minuten. Danach geht es um die Patientenaufteilung. Hier wird meist danach entschieden, welche Patient:innen man bereits kennt, um einen Informationsverlust zu vermeiden, der durch ständig wechselnde Kolleg:innen auftreten würde. Bei der Einteilung geht es auch darum, die Arbeitsbelastung gleichmäßig zu verteilen. So hat nicht eine Intensivpflegekraft alle pflegeaufwändigen Patient:innen wie Menschen, die vor kurzem erst reanimiert wurden, beatmet werden oder im Delir sind.
6:15 - 6:30 ausführliche Übergabe am Bett
Nach dieser Übergabe wird eine ausführliche Übergabe durch den Nachtdienst an den Frühdienst am Bettplatz der Patient:innen gemacht. Hier erfährt man alles im Detail: die Diagnosen, Nebendiagnosen, Vorerkrankungen, den Ist-Zustand, laufende Medikamente, die Beatmungssituation, den Hautzustand, die Familiensituation etc. Die Liste ist lang.
Und ja, es interessiert uns tatsächlich so genau. Vieles, was für andere unwichtig erscheint, ist für uns wichtig. Wie ist die häusliche Versorgung? War die Ehefrau oder der Ehemann zu Besuch? Gibt es Kinder? All dies kann Pflegekräften in Situationen des Delirs helfen, den Patienten wieder „einzufangen“ und zu beruhigen.
Und es kommt auch die klassische Krankenhausfrage: „Wann hat er zuletzt abgeführt?“ Für andere ein heikles Thema, für uns eine ganz normale Frage mit hohem Stellenwert, denn auf der Intensivstation bekommen die Patient:innen häufig Medikamente, die eine Darmträgheit verursachen und zu einem Darmverschluss führen können.

6:30 - 7:00 Kontrolle der Bettenplätze
Nach der detaillierten Übergabe mache ich mich daran, die Bettenplätze zu checken. Ein Blick auf den Patienten verrät mir sehr viel. Ich schaue ihn mir von oben bis unten an. Das passiert automatisch. Wie sieht er oder sie aus? Wie atmet er? Zeigt er Schmerzen? Ist er ruhig oder unruhig? All das passiert in Sekunden. Eine Routine, die ich mir als Fachkraft für Intensivpflege mit den Jahren angeeignet habe.
Der nächste Blick geht flüchtig über alle Perfusoren und Infusomaten, die den Patienten kontinuierlich mit Medikamenten versorgen. Ist bald eine Spritze leer? Muss ein Medikament erneuert werden, da es die Laufzeit übersteigt? Sind die Medikamente, die zusammenlaufen, kompatibel? Die Laufraten werden dokumentiert.Der Monitor ist eines der wichtigsten Geräte im Raum. Ich prüfe, ob er richtig eingestellt ist. Passen die Grenzen zum aktuellen Zustand des Patienten? Werde ich bei kritischen Situationen angemessen informiert? Bei uns auf der Intensivstation tutet eigentlich immer irgendwo ein Monitor oder ein Gerät piept. Klingt nervig, sichert aber das Überleben unserer Patient:innen. Viele kämpfen um ihr Leben und sind auf diese Geräte angewiesen.
Ein weiteres komplexes Gerät stellt das Beatmungsgerät dar. Auch hier überprüfe ich die aktuellen Werte, die Einstellungen und die Alarmgrenzen. Atmet der Patient selbstständig? Wird er unterstützt? Wie sind die Beatmungsdrücke?
Nach einem ausführlichen Check der Geräte schaue ich mir den Patienten genau an: Wie sind die Zugänge, der Hautzustand, die Lagerung? All das, was ich kontrolliert habe, schreibe ich in unserer Dokumentation nieder, denn auch für die nachfolgenden Schichten und unsere ärztlichen Kolleg:innen ist es entscheidend, den Verlauf einsehen zu können.
Diese Tätigkeiten sind wichtig – für unsere Patient:innen und für uns Intensivpflegekräfte. Ich muss sicher in meinem Bereich arbeiten können. Ihr Leben liegt in meinen Händen. Meine Fehler könnten alles verändern. Meine Weitsicht und Einschätzung sind ununterbrochen gefragt. Außerdem vermittle ich zwischen Ärzt:innen und Patient:innen – auch wenn der Patient nicht sprechen kann.
7:00 - 8:30 Blutentnahme, Medikamente und Visite
Jetzt startet der normale Alltag mit der Blutentnahme. Neue, aktuelle Werte werden jeden Tag erhoben. Das Labor und auch die Blutgaswerte sind für uns essenziell. Die Werte zeigen, ob es so weitergehen kann oder ob eine veränderte Therapie nötig ist. Dementsprechend richten und verabreichen wird die Medikamente.
Bis ich alle Patient:innen einmal gesehen habe, die Labore abgenommen und die Dokumentation erfolgt sind, ist es meist schon gegen halb acht. Dann stehen die Visiten an, sowohl internistisch als auch anästhesiologisch. Diese Fachrichtungen betreuen unsere Station. Hier stellt der diensthabende Arzt der Nacht seinen Kolleg:innen die Patient:innen vor. Das ist ähnlich wie bei unserer Übergabe in der Pflege. Ich werde ebenfalls in die Visite einbezogen: Was gibt es aus pflegerischer Sicht? Veränderungen? Probleme? Fortschritte?
An der Wand haben wir eine Checkliste für junge Ärztinnen und Ärzte, die ihre ersten Dienste machen. Darauf steht, was sie alles zu tun haben. Der erste Satz besagt: „Höre auf die Pflegenden. Sie sind näher am Patienten.“ Treffende Worte!Den Umgang zwischen Medizin und Pflege nenne ich immer gern „familiär“. Es herrscht ein angenehmes Arbeitsklima. Es gibt keine gelebten Hierarchien, die uns voneinander trennen. Wir brauchen uns gegenseitig, es ist respektvoll, mal ernst und mal locker und lustig. Ich werde in meinen Belangen immer ernst genommen.
8:30 - 9:30 Körperpflege und Frühstück
Nach der Visite entscheiden wir situativ, ob wir zuerst die Körperpflege durchführen oder ob unsere Patient:innen zuerst frühstücken. Das dürfen bei uns meistens nicht alle, sei es, weil sie eine OP oder Untersuchung bekommen oder auch, weil sie eine Erkrankung haben, die es ihnen nicht erlaubt, etwas zu sich zu nehmen.Der Gedanke an die Pause kommt meist gegen 9 Uhr, wenn die erste Flut an Arbeit erledigt ist, die Patient:innen sauber und gesättigt im Bett liegen und wir auf weitere Untersuchungen oder fachspezifische Visiten warten.
9:30 - 12:00 Therapien, Transporte und Notfalltelefon
Manch ein Patient bekommt im Verlauf des Tages erneute Blutentnahmen. Therapien werden umgestellt oder abgesetzt. Wir unterstützen die Physiotherapie bei der Mobilisation, führen Transporte zu Untersuchungen durch, erneuern Verbände usw. Jeder Tag ist anders. Und auch unberechenbar. Aber gerade das ist das Spannende am Beruf der Pflegefachkraft für Intensivpflege und Anästhesie.
Wir besetzen für unser Haus das Notfalltelefon. Wenn dieses Telefon klingelt, bedeutet das meist nichts Gutes. Es heißt eigentlich immer: Jemand kämpft um sein Leben. Wenn es auf der Normalstation oder auch in Fachbereichen zu lebenskritischen Notfällen kommt, die nicht händelbar sind, werden wir gerufen. Je nach Besetzung laufen ein oder zwei Pflegekräfte mit einem internistischen, ärztlichen Kollegen zum Notfall. Unser Rucksack, der ziemlich schwer ist, beinhaltet alles, was wir für jede Art von Notfall brauchen. Eine mobile Absaugung und ein Defibrillator werden mitgenommen. Und dann geht es ins Ungewisse.
Während unsere Kolleg:innen zum Notfall unterwegs sind, bereiten wir alles für den Zugang vor, Medikamente, Beatmung, Dokumentation. Alles, was ein Bettplatz benötigt. Zudem kümmern wir uns um die Patient:innen der Pflegekraft, die bei dem Notfall ist.
12:00 Uhr - 13:00 Bilanzen, Mittagessen und Übergabe an den Spätdienst
Um 12 Uhr stehen bei uns die Bilanzen an. Wir errechnen alle Flüssigkeiten, die dem Patienten verabreicht wurden: Was hat er getrunken? Hat er Blutprodukte bekommen? Dies wird gegengerechnet zu dem, was er ausgeschieden hat, was Drainagen gefördert haben oder was gegebenenfalls eine Dialyse entzogen hat. Das Ergebnis gibt uns Aufschluss darüber, ob jemand zu viel Flüssigkeit bekommen hat oder noch welche benötigt. Dies kann man nicht pauschal sagen, denn auch die Erkrankung und der aktuelle Zustand entscheiden darüber, was der Patient benötigt. Hat jemand hohes Fieber, braucht diese Person vielleicht doch mehr Flüssigkeit, weil sie viel schwitzt oder weil der Kreislauf die Unterstützung braucht. Hat jemand eher Ödeme, hat aber schon viel mehr ausgeschieden als er an Einfuhr hatte, muss er gegebenenfalls doch noch mehr Flüssigkeit verlieren. Die Intensivstation ist da sehr streng. Jeder Milliliter wird verrechnet.
Dann gibt es Mittagessen für die Patient:innen. Für mich heißt es, Ordnung schaffen am Arbeitsplatz. Aufräumen, auffüllen der Materialien im Patientenzimmer. Es fällt immer viel an und wenn der Spätdienst kommt, möchte dieser ja auch einen sortierten Arbeitsplatz haben.
So ein Tag geht schnell rum. Je mehr zu tun ist, desto kürzer ist der Tag. Ab 13 Uhr steht der Spätdienst schon da und begeht den Tag ähnlich wie der Frühdienst, trinkt Kaffee und bespricht sich mit den Kolleg:innen. Der Kreislauf geht von vorne los. Auch hier kommen wieder die „große Übergabe“, die detaillierte Übergabe, der Bettplatzcheck usw.
Unser Job ist ein Teamjob. Mit meinen Kolleg:innen, die wie eine Familie sind, schaffen wir alles! Und ist der Tag mal mies gelaufen, stehen wir zusammen mit einem Kaffee zwischen Schicht und Übergabe.
Ich frage Franziska zum Abschluss des Interviews, ob sie ihre Berufswahl schon einmal bereut hat. Ihre Antwort fällt eindeutig aus:
„Der Alltag auf der Intensivstation ist oft stressig, aber ich möchte nichts anderes machen. Diese Unberechenbarkeit, dass kein Tag wie der andere ist, fordert mich heraus und lässt mich an meine Grenzen gehen. Ich muss mein Gehirn einschalten, mitdenken, weiterdenken, vorausschauend arbeiten und kann damit einem Menschen das Leben retten. Was gibt es Schöneres?“
Protokoll: Michaela Hövermann


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