
Ich sitze hier inmitten der Weinberge, schaue über die schöne Landschaft von Rheinhessen und grübele zu einem Thema, welches mich schon einige Jahre beschäftigt: Ist ein Pflegeheim der einzige Weg im Alter und unausweichlich?
Schon als ich das erste Mal in Berührung mit der Altenpflege kam, stellte sich mir schnell diese Frage. Ein Pflegeheim hatte für mich immer den Beigeschmack des Endgültigen und wurde auch von den Bewohner:innen so empfunden. Das hatte meist nur wenig mit den engagierten Pflegekräften zu tun, sondern eher mit dem Ort selbst: reduziert auf wenige Quadratmeter eines Zimmers, der Verlust der Privatsphäre und das Zusammenleben mit Menschen, denen es sogar noch schlechter gehen kann als einem selbst. Jeden Tag ist der Mensch damit konfrontiert. Nicht umsonst liegt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Bewohners im Pflegeheim bei nur 5,5 Jahren. Man kann jetzt natürlich sagen, dass das mit dem hohen Alter und den Vorerkrankungen zu tun hat, dies wird aber auch nur ein Teil der Wahrheit sein.
Ich durfte in meiner Berufslaufbahn in eine Wohngemeinschaft hineinblicken, die den Schwerpunkt auf Menschen mit Demenz gelegt hatte und in eine andere, welche Senior:innen betreute, bis sie dort verstarben. Die Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz bildete eine Notlösung vor dem Pflegeheim. Dort befanden sich die Menschen bis zu einem bestimmten Grad ihrer Erkrankung, danach war mit dieser Variante Schluss. Die Seniorenwohngemeinschaft bildete einen schönen Kontrast. Es funktionierte als Gemeinschaft. Jeder unterstützte den anderen, half so gut es ging und akzeptierte die Schwächen der anderen Mitbewohner:innen. Man lebte zusammen, bis man schließlich im vertrauten Kreis verstarb. Es fühlte sich familiär und geborgen an.
Die Alltagsbegleitung kann für mich nur punktuell die Menschen entlasten und eine Stütze für die pflegenden Angehörigen bilden, so gerne diese auch mehr Zeit haben möchten. Es scheitert hier meist an der Unübersichtlichkeit des Pflegesystems und der geringen Anzahl an Geldern, welche zur Entlastung zur Verfügung stehen.
Versorgung in der Familie findet kaum noch statt
Die schönste Variante für einen älteren und kranken Menschen ist der Aufenthalt in der Familie bis zum Ende. Leider findet dies in der heutigen Gesellschaft kaum noch statt. Dies ist vor allem der Lebenssituation geschuldet. Eine Großfamilie, so wie ich es noch aus meiner Jugend kannte, aus Großeltern, Eltern und Kindern, findet sich heute kaum noch. Die Gesellschaft hat sich gewandelt und es gibt immer weniger Familien- oder Mehrfamilienhaushalte. Jeder muss immer flexibel und auf dem Sprung sein, die Gesellschaft drängt ein Ehepaar meist zu zwei Vollzeitjobs, um die laufenden Kosten zu decken. Jeder, der sich mit dieser Thematik beschäftigen möchte, findet dazu im Internet unzählige Studien und Statistiken.
Nun geht hier langsam die Sonne unter und ich lasse den Blick schweifen. Wie das wohl die anderen Länder in Europa machen? Ich schaue mit meinem Handy nach, was es dort für Alternativen gibt, in Holland und Dänemark bleibe ich hängen.
Die Niederlande haben komplette Dörfer für Menschen mit Demenz gebaut, in denen diese ihr Leben ungehindert leben können. Sei es einkaufen, spazieren gehen oder der Frisörbesuch. Es fühlt sich nach einem normalen Leben an, obwohl im Hintergrund die Pflege ihre Arbeit macht und natürlich alles betreuerisch überwacht ist.
Dann schaue ich nach Dänemark, wo es das Hauptziel des Gesundheitssystems ist, jeden Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu belassen. Jeder einzelne Mensch ist engmaschig eingebunden und wird versorgt. Sei es vom Hausarzt, dem Facharzt, der ambulanten Versorgung bis hin zur Unterstützung im Haushalt.
Diesen Konzepten folgt teilweise auch das Modell „Buurtzorg“, das in den Niederlanden entstand und nun zögerlich in Deutschland, vor allem NRW, Einzug hält. Eine Versorgung von kleinen Einheiten mit komplett eigenständig verantwortlichen Pflegekräften, die Hand in Hand mit dem Hausarzt und sonstigen Trägern arbeiten.
Ich lehne mich zurück, verschränke die Hände hinter dem Kopf und schaue in den blauen Himmel. Nein, ein Pflegeheim muss nicht die einzige Variante im Alter sein. Aber es braucht mutige Menschen, die sich trauen, neue Wege zu gehen. Ein Blick über die Grenzen lohnt sich, denn ein Umdenken hat schon lange stattgefunden.
Stefan Heyde


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