Adieu Pflege, willkommen Alltagsbegleitung!

MEDWING
August 20, 2024

Stefan Heyde berichtet über seinen Sprung ins kalte Wasser und seine Selbstständigkeit als Alltagsbegleiter.

Themen auf dieser Seite

    Stefan Heyde


    Bevor ich mich im September 2021 selbstständig gemacht habe, hatte ich lange über die Vor- und Nachteile gegrübelt. Ich wollte meinen Weg in der Pflege weitergehen, aber mir selbst und meinen eigenen Ansprüchen endlich wieder gerecht. Die Arbeit in der Pflege war für mich im Laufe der Jahre immer mehr zu einer Belastung geworden. Mich verletzte es innerlich enorm, wenn ich von einem Patientenruf zum nächsten hechten musste und kaum Zeit für ein Wort und die Bedürfnisse des Einzelnen hatte. Oder wenn ich gefangen war in einem Strudel aus Einspringen, Schichttausch, Dokumentation und „Druck von oben“.

    So begann ich zu suchen und zu recherchieren. Meine erste Anlaufstelle war die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die damit verbundenen Möglichkeiten einer Förderung für meine Idee. Ich bekam eine Beraterin für Gründungen und musste die Kosten dafür nur anteilig tragen. Ein kleiner Kredit war trotzdem notwendig, aber diesen konnte ich schon nach kurzer Zeit wieder zurückzahlen.

    Meine Beraterin half mir dabei, ein Konzept für meine Alltagsbegleitung zu entwerfen und ich stellte den ersten Kontakt zur Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion her, welche für die Anträge auf „Anerkennung eines Angebotes zur Unterstützung im Alltag“, kurz AUA, zuständig ist. Ich füllte die Fragebögen aus und reichte sie zusammen mit dem Konzept ein. Außerdem beschaffte ich mir eine IK-Nummer (Identifikation für alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen), um mit der jeweiligen Kasse direkt abrechnen zu können.



    Dann kam mein Lieblingspart: einen Namen für meine Alltagsbegleitung finden, Farben und Bekleidung auswählen und die Homepage, Flyer sowie Visitenkarten designen. Ich kann noch heute genau sagen, welche Freude ich daran hatte, dies alles nach meinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ich war niemandem mehr Rechenschaft schuldig. Nach kurzer Zeit hatte ich erste Kundengespräche und ich merkte, wie hoch der Bedarf an einer Spezialisierung in meinem Landkreis war. Ich begann, in Material und Wissen zu investieren. So erstellte ich zum Beispiel eigenes Infomaterial für die unterschiedlichen Pflegegrade und schloß eine Weiterbildung zum Demenzberater ab.

    Die Einsätze bei den Kunden zeigten mir sehr schnell, dass die Alltagsbegleitung mir etwas gab, was ich so lange vermisst hatte: Eigenverantwortung und Zeit. Ich konnte mich jeden Tag aufs neue auf den jeweiligen Menschen und seine Krankheit einlassen. Spaziergänge, Fitnessübungen, Gedächtnistraining, 10-Minuten-Aktivierung, Singen, Lesen oder einfach nur unterhalten. Es liegt komplett bei mir und meiner Einschätzung.

    Natürlich muss auch ich schauen, wie ich meinen Umsatz generiere und meine Zahlen konstant halte. Ich kann mir aber meine Zeit so einteilen, wie ich möchte und bin nicht mehr an die Schichtzeiten gebunden. Es liegt in meiner Hand zu entscheiden, ob ich eine Anfrage für einen Termin am Wochenende annehme. Dadurch habe ich seit Langem wieder etwas, was ich seit Jahren nicht hatte: freie Wochenenden.

    Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass alles absolut reibungslos läuft. Zur Selbstständigkeit gehört, jeden Tag dazuzulernen, sich weiterzuentwickeln und Herausforderungen zu bewältigen. Jeder Tag ist anders und bringt neue Herausforderungen. Es ist ein unglaubliches Gefühl, etwas selbst aufzubauen, zu gestalten und nach den eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das Beste daran: Ich habe wieder Zeit für die Bedürfnisse der Menschen und bin ein großes Stück näher an meine eigenen Ansprüche herangekommen.

    Stefan Heyde


    Das könnte Dich auch interessieren:

    Alle Artikel ansehen