Tiergestützte Therapie: Vorteile, Möglichkeiten & Voraussetzungen

Inspiriert von der faszinierenden Welt der Medizin und Pflege, möchte unser Redaktionsteam sich mit Fachkräften austauschen, Perspektiven aufzeigen mit Interviews und Reportagen, um die Vielfalt des Pflegealltags zum Ausdruck bringen.

Tiergestützte Interventionen sind hilfreiche Maßnahmen bei vielen Erkrankungen. Hier erfährst, welche Vorteile die tiergestützte Therapie hat, wie Tiere eingesetzt werden können und vor welchen Herausforderungen Therapeut:innen und Einrichtungen stehen.

Viele Pflegeeinrichtungen sind bereits darauf aufmerksam geworden: Tiergestützte Therapien (TGT) bringen große Erfolge mit sich. Menschen mit diversen Erkrankungen profitieren von der tierischen Unterstützung. Insbesondere in Bezug auf Depressionen, Angstzustände, Demenz und Aggressionen können Hund, Katze & Co. wahre Wunder bewirken.

Was bedeutet tiergestützte Therapie?

Nach der European Society for Animal Assisted Therapie (ESAAT) umfasst die tiergestützte Therapie (TGT) bewusst geplante pädagogische, psychologische und sozialintegrative Angebote mit Tieren.

Die Zielgruppen hierfür sind weit gefasst. TGT richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Auch immer mehr ältere Menschen mit kognitiven, sozial-emotionalen und motorischen Einschränkungen erfahren hierdurch Hilfe. Diese Form der Therapie wird zudem als gesundheitsfördernde, präventive und rehabilitative Maßnahme eingesetzt.

Der allgemein verwendete Oberbegriff für die verschiedenen tiergestützten Tätigkeiten lautet tiergestützte Intervention (TGI). Neben der TGT zählen dazu tiergestützte Aktivitäten (TGA), wie zielorientierte Interaktionen und Besuche von Mensch-Tier-Teams. Die Zielsetzungen bei TGA beziehen sich primär auf erzieherisch/bildende und/oder entspannungs- und erholungsfördernde Elemente.

Therapie von körperlichen und seelischen Erkrankungen

Tiergestützte Interventionen, wie die tiergestützte Therapie, haben das Ziel, durch den gezielten Einsatz von Tieren positive Auswirkungen im Verhalten und Erleben von Menschen zu beeinflussen.

Körperliche und seelische Erkrankungen können wirksam therapiert werden. Tier und Mensch arbeiten hierbei zusammen als Team. Bei den tierischen Helfern handelt es sich nicht nur um Hunde und Katzen, wie oft angenommen. Je nach Einrichtung und Zielsetzung kommen Pferde, Kaninchen, Alpakas, ja sogar Hühner zum Einsatz.


Ein behinderter senior im Rollstuhl spielt mit einem Hund


Wem wird durch TGT geholfen?

Aktuell bestehen noch zu wenig Langzeitstudien, welche die langfristigen Effekte von tiergestützten Interventionen ausreichend belegen. Daher müssen Einrichtungen diese Form der Therapie selbst finanzieren. Noch! Denn die therapeutische Zusammenarbeit mit Tieren erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Und das nicht ohne Grund: Die Häuser, die TGT anbieten, berichten von großen Erfolgen.

So verzeichnet TGT eine Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensqualität vor allem bei:

  • Demenzerkrankungen
  • Affektiven Störungen (unter anderem Depressionen)
  • Bipolaren Erkrankungen
  • Schizophrenen Störungen
  • Wahnhaften Störungen

Die Tiere wirken sich positiv auf Verhaltensstörungen wie Aggressivität, Unruhe, Wahnerleben, Enthemmung, Affektlabilität oder Apathie aus. Gerade Gerontopsychiatrien profitieren hiervon.

Pflegekräfte und weitere Mitarbeiter:innen berichten nicht selten von einer deutlichen Medikamentenreduktion und einer ruhigeren Atmosphäre, wo die tiergestützte Therapie zum Einsatz kommt.

Die Tiere helfen den Menschen unter anderem dabei

  • das Wohlbefinden zu steigern,
  • Bewohner:innen in eine Gemeinschaft zu integrieren,
  • ihre Ängste zu reduzieren,
  • depressive Verstimmungen zu verbessern,
  • Psychopharmaka und Neuroleptika zu reduzieren,

Wie sieht so eine Therapie aus?

Tiere werden vielfältig eingesetzt – je nach Zielsetzung und Erkrankung. Bei einer Demenzerkrankung können tiergestützte Intervention helfen, die Biografiearbeit zu unterstützen. Hierbei werden biografische Erfahrungen mit Tieren im Rahmen von Beschäftigungsangeboten wieder in Erinnerung gerufen – zur großen Freude der zu behandelnden Menschen.

Die Tiere helfen aber auch bei der Sterbebegleitung und der Angehörigenarbeit. Sie unterstützen in der Pflege selbst: Durch die Anwesenheit der Tiere wird bei aggressiven Bewohner:innen und Patient:innen beobachtet, dass sich diese beruhigen und positiv beeinflussen lassen. Somit ist es für Pflegefachpersonen leichter und für die zu pflegenden Menschen angenehmer, Tätigkeiten wie die Körperpflege vorzunehmen.

Tiere haben besondere Effekte auf Menschen

Da wo Menschen nicht weiterkommen, dringen Tiere oft in eine Welt vor, die für uns nur schwer zu erkennen ist. Zum Beispiel kann ein an Demenz erkrankter Mensch in diversen Situationen sehr aggressiv reagieren.

Pflegekräfte oder Mitpatient:innen bzw. Mitbewohner:innen werden mitunter attackiert. Ängste gegenüber anderen Personen oder Situationen sind häufig Auslöser für solche Übergriffe. Mimik und Gestik zeigen eine verkrampfte Abwehrhaltung.

Meist werden in solchen Fällen, gerade bei Handgreiflichkeiten, verordnete Bedarfsmedikationen eingesetzt. Das Faszinierende ist, dass bei der Interaktion mit einem Tier oftmals die Aggressivität in Mimik und Gestik schwindet.



Tiere steigern das Wohlbefinden

Viele Menschen zeigen sich plötzlich ruhiger, entspannter und vor allem friedlicher als bei der Interaktion mit Menschen. Vielleicht ist durch die Biografie ersichtlich, ob früher bereits Kontakt zu Tieren bestand.

Ehemalige Tierbesitzer:innen zeigen in der Regel viel Freude, wenn sie wieder einen Vierbeiner um sich haben dürfen. Das Reden und Streicheln, das Geben und vor allem das Bekommen von Aufmerksamkeit – all diese Faktoren führen zu einer ganz besonderen Form des Wohlbefindens. Ergebnisse solcher Beobachtungen zeigen vermehrt, dass in diesen Fällen die Gabe der Bedarfsmedikationen seltener zum Einsatz kam.

Wie es schon der US-amerikanische Jazzmusiker Lois Armstrong passend ausdrückte:„Mit einem kurzen Schweifwedeln kann ein Hund mehr Gefühl ausdrücken, als mancher Mensch mit stundenlangem Gerede.“



Tiergestützte Ergotherapie

Bei der Ergotherapie handelt es sich um ein medizinisch anerkanntes Heilmittel. Ergotherapeutische Behandlungsverfahren beziehen sich auf verschiedene Ansätze, Altersgruppen und, je nach Zielsetzung, Behandlungsformen.

Behandelbare Krankheitsbilder können neurologisch sein (zum Beispiel Schlaganfall oder Multiple Sklerose), orthopädisch (zum Beispiel Rheuma oder Arthrose), oder psychisch (zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörung, Burn-Out-Syndrom oder Schizophrenie).

Auch in der Pädiatrie kann Kindern mit Behinderungen, Verhaltensauffälligkeiten, Autismus und vielen weiteren Beschwerden über die Ergotherapie geholfen werden.

Im Rahmen einer solchen ergotherapeutischen Behandlung besteht die Option, tiergestützte Therapien zu integrieren. Hund, Pferd und Co. werden in den Behandlungsplan eingebunden. So wird ein herkömmlicher Behandlungseinsatz positiv verstärkt.



Vielfältige Einsatzbereiche

Dieses tiergestützte Therapieverfahren bietet den zu behandelnden Menschen die Möglichkeit, neue Aufgaben zu bewältigen und aus einer anderen Perspektive heraus zu handeln.

Was besonders wichtig ist: Tiere sind unvoreingenommen. Sie akzeptieren ohne zu werten. So wird Vertrauen und Zusammengehörigkeit auf einem ganz besonderen Level vermittelt. Verborgene Ressourcen und Emotionen können wieder hervorgeholt werden, um neue therapeutische Wege zu beschreiten und Erfolge zu erzielen.

So lässt sich zum Beispiel die Kommunikationsfähigkeit über einen Hund wiederaufbauen. Denn Hunde reagieren hervorragend auf die Körpersprache. Sie ermutigen Menschen mit Handicap auf spielerische Art zur Interaktion, ohne Druck aufzubauen.

Bei Pferden liegt die besondere Kraft in ihrer Sensibilität. Sie reagieren eindeutig auf unsere Körpersprache und spiegeln somit direkt unser Verhalten wider ohne es zu bewerten. Neuropsychologische, wahrnehmungsorientierte und psychomotorische Behandlungskonzepte können hierdurch unterstützt werden, beispielsweise durch „Demenzbesuchspferde“.


Nahaufnahme Hand mit einer Pfote einer schwarzen flauschigen Katze


Eine spezielle Ausbildung ist nötig

Um die tiergestützte Therapie professionell einzusetzen, braucht es eine spezielle Ausbildung. Das gilt für Mensch und Tier. Nicht alle Tiere können bzw. sollen ausgebildet werden.

Es gibt verschiedene Weiterbildungen. Mitarbeiter:innen der Einrichtungen können diese in Anspruch nehmen, zum Beispiel am Institut für Soziales Lernen mit Tieren. Entsprechende Ausbildungen sind unter anderem: „Fachkraft für TGI“ und „Therapiebegleithundeteam“.

Die Aus- bzw. Weiterbildungen sind kostenpflichtig. Teilweise werden die Kosten von den Arbeitgebern übernommen, um eine tiergestützte Therapie im Haus zu etablieren.

Tiergestützte Intervention kann auch als berufsbegleitender Hochschullehrgang belegt werden. Umfang und Inhalte des Studiums variieren je nach Hochschule. Sie beinhalten im meist die folgenden Module:

  • Grundlagen tiergestützter Interventionen
  • Tierarten in der TGI
  • Grundlagen der Pädagogik und der Psychologie in der TGI
  • TGI in der Geriatrie
  • Praktischer Einsatz von TGI
  • Ökonomie, Recht und wissenschaftliches Arbeiten

Der Einsatz von TGI ist mit diversen Richtlinien und Vorgaben verbunden. Somit bestehen spezielle Hygienemaßnahmen für die die Arbeit mit Tieren in Pflegeeinrichtungen. Das Hygienehandbuch und die hygienischen Anforderungen bei tiergestützten Aktivitäten für Tiere und Halter:innen wurden im Juni 2018 angepasst.

Insgesamt wird die Gefährdung für die zu pflegenden Menschen durch die Tiere jedoch nicht als aufsehenerregend angesehen. In Bezug auf eine Studie, die in einem Pflegeheim durchgeführt wurde, äußerte sich das Robert-Koch-Institut insofern, dass der positive Einfluss der Tiere eine Gefährdung durch hygienische Mängel definitiv übersteigt.

Kritik an der tiergestützten Therapie

Kritisch ist die tiergestützte Therapie insofern zu sehen, dass die Ausbildungen im Bereich tiergestützter Interventionen bislang nicht gesetzlich geregelt sind. Aufgrund mangelnder Langzeitforschungen sehen sich Pflegekassen und Sozialhilfeträger noch nicht in der Verantwortung, diese Form der Therapie zu refinanzieren. Somit müssen Pflegeeinrichtungen, die TGI anbieten wollen, die Kosten selbst tragen.

Das bedeutet oft, dass die Angebote nicht in ihrem vollen Ausmaß in Anspruch genommen werden können. Die Therapie erfolgt daher beispielsweise nur einmal pro Woche oder pro Monat durch externe Anbieter:innen.

Diese Form hat aber den Nachteil, dass Mensch und Tier die zu behandelnden Menschen nicht kennen und durch die langen Abstände zwischen den Sitzungen keine starke Verbindung aufgebaut werden kann.

Damit in einer Pflegeeinrichtung möglichst viele Bewohner:innen die Tiere sehen und das Angebot nutzen können, kommt es oft zu einer Art „Gruppentherapie“. Individuelle Therapiepläne bleiben auf der Strecke, obwohl dies Sinn und Zweck sein sollte. Damit TGI funktioniert, sollten die Tiere und die Therapeut:innen bewusst und gezielt eingesetzt werden.

Weiterhin besteht ein Kritikpunkt darin, dass es keine „Therapietiere“ gibt, so wie es teils beworben wird. Im Fokus steht immer ein geschulter Therapeut, der gezielt Tiere einsetzt. Dabei kommen keine „antrainierten“ Abläufe zum Einsatz, sondern das Wesen des Tieres selbst ist es, das Ruhe und Harmonie in aufgewühlte Seelen bringen soll.

Zahlreiche Erfahrungen bestätigen, dass die tiergestützte Therapie eine sinnvolle Möglichkeit zur Linderung von Angst, Aggression und Depression ist. Dabei kann sie in jeder Altersklasse angewendet werden. Richtig eingesetzt profitieren mittlerweile unter anderem Pflegeheime, psychiatrische Einrichtungen und Hospize von den tierischen Helfern. Allerdings sollte dabei nicht die Professionalität aus den Augen verloren werden. Ohne die richtige Ausbildung und den gezielten Einsatz der Tiere, bleibt die Therapie auf der Strecke und was bleibt sind „nette Streicheleinheiten“. Daher sollten Einrichtungen immer auf einen professionellen Umgang achten, um diese vielversprechende Form der Therapie weiterhin zu etablieren.

Sarah Micucci

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